Zwischen Harz und Herz – die stille Kraft des Waldes

Alexandra Abredat

Waldmedizin – Wenn die Bäume heilen

Manche sagen, im Wald kann man die Stille hören. Ich sage: Im Wald kann man die Medizin riechen.
Denn während wir zwischen Fichten, Tannen und Kiefern spazieren, atmen wir nicht nur Sauerstoff – wir inhalieren eine jahrtausendealte Apotheke auf Wurzeln. Willkommen in der Welt der Waldmedizin, wo Baumharze zu Heilsalben werden, Baumöle die Seele balsamieren und ein tiefer Atemzug manchmal mehr bewirkt als ein Gang zur Apotheke.


Heilige Haine und Baumgötter – Die alten wussten’s schon

Schon die Griechen, Kelten und Germanen wussten: Wo Bäume wachsen, wohnt die Kraft.
Sie hielten heilige Haine abseits der Dörfer, in denen Opfer dargebracht, Weissagungen gemacht und Heilkräuter gesammelt wurden. Manche Eiche galt als Wohnsitz von Göttern, manche Linde als Ort des Friedens. Und wer sich unter eine alte Buche setzte, tat gut daran, respektvoll zu grüßen – man wusste ja nie, ob nicht ein Waldgeist mitlauschte.

Heute rollen wir mit den Augen, wenn jemand „Baumenergie“ sagt – und gehen dann doch seufzend in den Wald, wenn der Alltag zu laut wird. Zufall? Wohl kaum.


Terpene – die duftende Waldmedizin

Wissenschaftlich betrachtet ist Waldluft ein ziemlich spannender Cocktail:
Neben Sauerstoff und Kohlendioxid enthält sie flüchtige organische Verbindungen, sogenannte Terpene. Diese Duftstoffe schicken die Bäume über die Luft auf Reise, um sich gegenseitig vor Schädlingen zu warnen oder Verbündete anzulocken. Wenn du also tief im Wald einatmest, nimmst du eine ganze Kommunikation auf – quasi Baum-Gossip in Molekülform.

Japanische Forscher um Prof. Qing Li fanden heraus, dass diese Terpene nicht nur gut riechen, sondern unser Immunsystem aktivieren können. In ihren Studien zeigten Waldspaziergänge eine deutliche Zunahme der sogenannten „Killerzellen“ – jene mutigen Abwehrhelden, die Viren und Tumorzellen den Garaus machen.
Zwei Tage Waldbaden – und das Immunsystem blieb einen Monat lang gestärkt.

Das nennt man dann wohl: Heilung liegt in der Luft.


Die feine Nase – Training für das limbische System

Unser Geruchssinn ist ein verkannter Superheld. Früher half er uns, frisches Wasser, essbare Pflanzen oder Feinde zu erkennen. Heute hilft er uns, den Cappuccino vom Filterkaffee zu unterscheiden.
Dabei führt jede Duftspur direkt ins limbische System – das Zentrum unserer Emotionen. Kein Wunder also, dass ätherische Baumöle nicht nur körperlich, sondern auch seelisch wirken.

Ein Tropfen Fichtenöl kann die Bronchien öffnen, Zedernöl beruhigt und erdet, Wacholder stärkt die Nerven, Lorbeer klärt den Geist – und wer Zypresse riecht, spürt fast automatisch den Wunsch, wieder aufrecht zu stehen.
Ein regelrechtes „Riechtraining“ – ob mit Parfumfläschchen oder frischen Nadeln – lässt sich also wunderbar in den Alltag einbauen. Die Nase will schließlich beschäftigt bleiben; ihre Sinneszellen erneuern sich alle 30 Tage. (Wäre schön, wenn das bei Falten auch so einfach ginge.)


Harz, Pech & Salbe – Klebrige Helfer mit Heilwirkung

Baumharz – das ist Baumblut in Goldform: Wenn zum Beispiel eine Fichte verletzt wird, verschließt sie ihre Wunde mit Harz – und genau diese klebrige Substanz wirkt auch bei uns antibakteriell, entzündungshemmend und wundheilend. Schon früher wurde „Pechsalbe“ aus Harz, Öl und Wachs gerührt.
Sie half gegen wunde Füße, eiternde Stellen oder Erkältungen (und klebte zuverlässig an allem, was sie berührte – inklusive der Hauskatze).

Heute erlebt die Harzsalbe ihr Revival: handgerührt, duftend, naturrein. Eine kleine Tube Waldfrieden, perfekt für raue Hände und raue Tage.


Mein Basisrezept

Zutaten:

  • 80 gr. Harz von Nadelbäumen
  • 40 gr. Bienenwachs
  • 200 gr. Olivenöl
  • 1 Handvoll Schafgarbenkraut
  • 1 Handvoll Spitzwegerichkraut

Zubereitung:

  • Das Olivenöl mit dem Harz und den Kräutern erwärmen und mindestens eine halbe Stunde warm ziehen lassen.
  • Dann abseihen und das Bienenwachs zugeben.
  • Wenn sich das Wachs aufgelöst hat, kann die Salbe in Tiegel gefüllt werden.
  • Auskühlen und zuschrauben

Anwendung:

Bei Schürf- und Schnittwunden, schlecht heilenden Wunden


Waldtherapie, Naturtherapie & Waldbaden – was ist was?

Während manche einfach durch den Wald spazieren, hat Japan längst daraus eine Wissenschaft gemacht: Shinrin Yoku, das „Eintauchen in die Waldatmosphäre“.
Kein Joggen, kein Schrittzähler – einfach Dasein, Atmen, Spüren.
Inzwischen gibt es auch in Deutschland erste Kur- und Heilwälder, in denen Waldbaden als Prävention gegen Stress, Bluthochdruck oder Erschöpfung angeboten wird.

Der Unterschied:

  • Waldtherapie nutzt den Aufenthalt im Wald als Heilmittel – also: hingehen, atmen, gesund werden.
  • Naturtherapie geht tiefer: Sie kombiniert das Erleben der Natur mit psychologischen Methoden.
    Beides hat denselben Effekt – man verlässt den Wald entspannter, als man hineingegangen ist.


Fazit: Der Wald als Arzt ohne Wartezimmer

Waldmedizin ist keine Esoterik, sondern uraltes Wissen mit moderner Bestätigung.
Ob man nun an Baumgeister glaubt oder an Terpene – fest steht: Bäume tun uns gut.
Sie filtern nicht nur die Luft, sondern auch unsere Gedanken.
Ein Tropfen ätherisches Öl, ein Spaziergang unter hohen Kronen, eine Pechsalbe auf der Haut – das alles sind kleine Erinnerungen daran, dass Heilung manchmal ganz einfach ist: Atme. Und geh in den Wald.


Meine Waldzauber Termine 2025/2026

  • 11. Oktober 2025 VHS Ludwigsburg
  • 16. Oktober 2025 VHS Ludwigsburg Schiller, Kornwestheim
  • 24. Oktober 2025 VHS Bad Mergentheim
  • 06. November 2025 VHS Ludwigsburg Schiller, Steinheim
  • 08. November 2025 VHS Crailsheim
  • 13. November 2025 VHS Ludwigsburg Schiller, Ingersheim
  • 14. November 2025 VHS Bad Mergentheim
  • 27. November 2025 VHS Öhringen, Zweiflingen
  • 29. November 2025 VHS Schwäbisch Hall
  • 22. Januar 2026 VHS Nürnburg Südpunkt
  • 19. Februar 2026 VHS Ludwigsburg Schiller, Asperg

Anmeldungen jeweils über die Volkshochschulen!

von Alexandra Abredat 6. Januar 2026
Manchmal genügt ein einzelner Duft, um die Wahrnehmung zu verschieben – kaum wahrnehmbar, aber wirkungsvoll genug, um den Alltag für einen Moment beiseitezuschieben. Ein Hauch Kreuzkümmel, und der Alltag tritt zurück zugunsten von Bildern aus Garküchen, Markthallen und dampfenden Töpfen. Gewürze besitzen diese eigentümliche Fähigkeit: Sie wirken nicht nur auf den Geschmackssinn, sondern auf Erinnerung, Vorstellungskraft und Emotion. Genau darin liegt ihre kulturelle und kulinarische Bedeutung – und der Grund, weshalb sie seit Jahrtausenden gesammelt, gehandelt, gehütet und verehrt werden. Gewürze sind keine bloßen Küchenzutaten, sondern kulturelle Werkzeuge. Botanisch betrachtet handelt es sich um Samen, Früchte, Rinden, Wurzeln oder Blüten, die aufgrund ihrer ätherischen Öle, Bitterstoffe oder Scharfstoffe eingesetzt werden. Kulinarisch sind sie Werkzeuge: Sie strukturieren Gerichte, verleihen Tiefe, setzen Akzente oder verbinden einzelne Komponenten zu einem stimmigen Ganzen. Besonders deutlich wird das bei Gewürzmischungen – jenen wohlüberlegten Kompositionen, die weit mehr sind als eine Ansammlung aromatischer Einzelteile. Von Einzelgewürzen und Mischungen Zwischen Gewürzdose und Mörser entscheidet sich oft, wie ein Gericht gelesen wird: klar und präzise oder komplex und vielschichtig. In gut ausgestatteten Küchen finden sich beides: Einzelgewürze und Mischungen. Pfeffer, Kreuzkümmel, Muskatnuss oder Kurkuma stehen für sich, lassen sich frisch mahlen oder mörsern und gezielt einsetzen. Getrocknete Kräuter wie Thymian, Oregano oder Rosmarin bringen mediterrane Klarheit, während Samen und Beeren – etwa Koriander, Fenchel oder Wacholder – Tiefe und Struktur liefern. Gewürzmischungen hingegen sind kulinarische Abkürzungen mit Tradition. Sie entstehen selten zufällig, sondern spiegeln regionale Kochstile, klimatische Bedingungen und verfügbare Zutaten wider. Ihre Zusammensetzung ist über Generationen gewachsen, manchmal streng definiert, manchmal erstaunlich variabel. Genau darin liegt ihre Stärke – und ihre Herausforderung. Was eine gute Gewürzmischung ausmacht Gute Gewürzmischungen sind keine Abkürzungen für Bequemlichkeit, sondern für Erfahrung. Eine hochwertige Gewürzmischung folgt einem klaren Prinzip: Balance. Kein Bestandteil darf dominieren, jeder erfüllt eine Funktion. Manche Gewürze tragen die Hauptaromen, andere verbinden, wieder andere setzen gezielte Kontraste. Seriöse Mischungen kommen ohne unnötige Füllstoffe aus und setzen auf nachvollziehbare Zutaten. In der Küche existieren daneben praktische Würzmischungen wie Kräutersalze oder Zucker-Zimt-Mischungen. Sie sind funktional, alltagstauglich und bewusst komponiert, unterscheiden sich jedoch fachlich von reinen Gewürzmischungen. Diese Differenzierung ist weniger eine Wertung als eine Frage der Definition – und der bewussten Anwendung. Klassiker mit Geschichte Curry ist vermutlich die bekannteste Gewürzmischung der Welt – und zugleich eine der am häufigsten missverstandenen. – und zugleich eine der missverständlichsten. Entgegen verbreiteter Annahmen handelt es sich nicht um eine traditionelle indische Mischung mit festgelegter Rezeptur. Vielmehr ist Curry ein europäisches Konstrukt, das versucht, die Vielfalt südasiatischer Masalas in einer Mischung abzubilden. Typisch sind Kurkuma als farbgebende Basis, Koriander, Kreuzkümmel, Bockshornklee und je nach Variante Chili, Ingwer oder Senfsaat. In der indischen Küche selbst spielen Masalas eine zentrale Rolle, jedoch fast immer frisch gemahlen und situativ angepasst. Garam Masala etwa – wörtlich „wärmende Mischung“ – wird traditionell erst gegen Ende des Kochvorgangs hinzugefügt. Zimt, Kardamom, Nelken und Pfeffer sollen nicht verkochen, sondern ihre ätherischen Öle entfalten und dem Gericht Tiefe verleihen. Orient und östlicher Mittelmeerraum Hier steht weniger die Schärfe im Vordergrund als das Spiel mit Bitterkeit, Säure und warmen, runden Noten. Ras el-Hanout, eine der komplexesten Mischungen Nordafrikas, ist weniger Rezept als Konzept. Der Name bedeutet sinngemäß „das Beste des Hauses“. Je nach Region und Händler kann die Mischung zehn oder über zwanzig Zutaten enthalten, darunter Koriander, Kreuzkümmel, Muskat, Kardamom, Zimt, getrocknete Rosenblüten oder auch Iriswurzel. Ras el-Hanout wird traditionell für Schmorgerichte, Couscous oder Lamm verwendet und lebt von seiner warmen, vielschichtigen Aromatik. Za’atar hingegen ist deutlich bodenständiger. Die Mischung aus wildem Thymian oder Oregano, Sumach und Sesam ist im östlichen Mittelmeerraum allgegenwärtig. Sie wird mit Olivenöl verrührt, auf Fladenbrot gestrichen oder über Gemüse und Joghurt gestreut. Der säuerliche Sumach ersetzt dabei oft Zitrone und sorgt für Frische. Schärfe mit Struktur Schärfe ist in traditionellen Küchen selten Selbstzweck, sondern immer Teil eines größeren geschmacklichen Gefüges. Schärfe ist kein Selbstzweck. In gut komponierten Mischungen dient sie der Strukturierung des Geschmacks. Harissa aus Nordafrika kombiniert Chili mit Knoblauch, Koriander, Kreuzkümmel und oft Kümmel. Die Paste – traditionell frisch zubereitet – ist scharf, aber nicht eindimensional. Sie würzt Suppen, Gemüse, Fleisch oder Hülsenfrüchte und lässt sich dosiert einsetzen. Pul Biber, die türkische Chiliflockenmischung, wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Ihre milde, leicht fruchtige Schärfe entfaltet sich langsam und eignet sich besonders für Eiergerichte, Joghurt oder gegrilltes Gemüse. Amerika und Afrika Jerk aus der Karibik ist ein gutes Beispiel für eine regional stark variierende Mischung. Piment, Chili, Thymian, Muskat und Zimt bilden die aromatische Basis, ergänzt je nach Tradition durch Zucker, Zwiebel oder Knoblauch. Ursprünglich zur Konservierung und Würzung von Fleisch gedacht, steht Jerk heute für eine intensive, rauchig-würzige Küche. Chakalaka wiederum stammt aus Südafrika und ist ursprünglich ein Gemüse-Relish. Die zugrunde liegenden Gewürze – Chili, Ingwer, Koriander, Kreuzkümmel – werden heute auch als trockene Mischung interpretiert und für Reis, Eintöpfe oder Gemüse eingesetzt. Hier zeigt sich, wie flexibel kulinarische Traditionen sein können. Selber mischen – mit Maß und Wissen Wer selbst mischt, übernimmt Verantwortung – für Geschmack, Herkunft und Balance. Das Selbermischen von Gewürzen ist keine nostalgische Spielerei, sondern eine Frage der Kontrolle. Frische, Qualität und individuelle Anpassung sprechen dafür. Wichtig ist dabei das Verständnis für Mengenverhältnisse: dominante Gewürze wie Nelken oder Sternanis benötigen Zurückhaltung, während Basisgewürze großzügiger eingesetzt werden können. Auch bei Kräutermischungen lohnt Genauigkeit. Getrocknete Kräuter sollten nicht wahllos kombiniert werden, sondern sich aromatisch ergänzen. Petersilie bringt Frische, Thymian Tiefe, Basilikum Süße, Oregano Würze. In Kombination mit grobem Salz entsteht ein klassisches Kräutersalz – praktisch, haltbar und vielseitig, fachlich korrekt als Würzmischung einzuordnen. Lagerung und Haltbarkeit Aromen sind flüchtig, und Gewürze verzeihen Nachlässigkeit nicht. Gewürze sind empfindlich. Licht, Wärme und Sauerstoff lassen ätherische Öle verfliegen. Ideal sind dunkle, luftdichte Gefäße und ein kühler Lagerort. Ganze Gewürze halten deutlich länger als gemahlene; Mischungen sollten innerhalb weniger Monate verbraucht werden, um ihre Aromatik zu bewahren. Fazit Gewürze sind gespeicherte Erfahrung. Gewürze und Gewürzmischungen sind kulturelles Gedächtnis in aromatischer Form. Wer sie versteht, nutzt sie bewusster – und kocht besser. Nicht jede Mischung muss selbst hergestellt werden, nicht jede fertige Mischung ist ein Kompromiss. Entscheidend ist Wissen, Neugier und die Bereitschaft, genauer hinzuschmecken. Denn am Ende beginnt jede kulinarische Reise nicht am Flughafen, sondern am Herd. Weitere Informationen zum Thema Gewürze: Kardamom: Kardamom – Wirkung und Anwendung des Gewürzes Schnittlauch: Schnittlauchöl – raffiniertes Öl für die schnelle After-Work-Küche Safran: Safran – das rote Gold Quellen: 12 Gewürzmischungen, die Du kennen musst | feinkosten.de Die besten Gewürzmischungen der Welt: Rezepte + Fotos Welche Gewürzmischungen gibt es? Gewürzmischung - [ESSEN UND TRINKEN] Gewürzsaucen & Gewürzmischungen aus aller Welt zunehmend beliebter! Gewürzmischungen selber machen: 33 Rezepte für jede Gelegenheit - Gewürzmühle Brecht
von Alexandra Abredat 3. Januar 2026
Die Lippenblütler, auf Latein Lamiaceae, gehören zu den auffälligsten und vielseitigsten Pflanzenfamilien der Erde. Mit über 7.000 Arten in rund 230 Gattungen erstrecken sie sich von den sonnigen Lavendelfeldern des Mittelmeerraums bis in die tropischen Regenwälder. Ihre charakteristischen vierkantigen Stängel und die gegenständig angeordneten Blätter machen sie leicht erkennbar, während die oft stark duftenden ätherischen Öle ihren unverwechselbaren Charme ausmachen. Ob in der Küche, als Heilpflanzen oder als Ziergewächse im Garten – Lippenblütler bereichern das menschliche Leben auf vielfältige Weise. Wer schon einmal durch ein Feld Echter Lavendel (Lavandula angustifolia) geschlendert ist, kennt das Gefühl, wie der Duft die Sinne umhüllt und die Gedanken beruhigt. Besonders auffällig sind ihre Blüten. Sie sind zygomorph, also einseitig symmetrisch, und bestehen meist aus fünf Kronblättern, die sich zu einer Ober- und Unterlippe formen. Auf den ersten Blick mag das nur ästhetisch wirken, doch diese Form hat einen praktischen Zweck: Sie erleichtert die Bestäubung durch Insekten. Bei Echtem Salbei (Salvia officinalis) funktioniert das wie ein kleiner Zaubertrick: Die Oberlippe der Blüte wirkt wie ein Hebel, der beim Betreten durch eine Biene die Staubblätter herunterschlägt und den Pollen gezielt auf den Rücken des Besuchers katapultiert. Ein winziges, perfektes Zusammenspiel von Mechanik und Biologie. Wer genau hinschaut, kann sogar die Nektarleitlinien erkennen, feine Linien auf den Blütenblättern, die wie Landebahnen für Insekten wirken. Auch die Früchte der Lippenblütler sind clever konstruiert: Meist handelt es sich um sogenannte Klausen, die nach der Reife in vier Teilfrüchte zerfallen und so die Samen effektiv verteilen. Lippenblütler sind wahre Magneten für Bestäuber. In unseren Gärten sind es vor allem Bienen und Hummeln, die sich über Thymian (Thymus vulgaris), Oregano (Origanum vulgare) oder Gartenminze (Mentha spicata) hermachen, während in tropischen Regionen auch Kolibris oder Schmetterlinge die Arbeit übernehmen. Manche Arten haben sogar skurrile Eigenheiten entwickelt: Duftnessel (Agastache foeniculum) verströmt einen süßen Anisduft, der Kolibris und Schmetterlinge gleichermaßen anlockt. Viele Lippenblütler bevorzugen sonnige, durchlässige Standorte, doch tropische Vertreter wie Barbados-Basilikum (Plectranthus barbatus) fühlen sich auch in feuchten Wäldern wohl. Die chemische Ausstattung der Lippenblütler ist mindestens ebenso faszinierend wie ihre Blütenmechanik. Ätherische Öle wie Thujon im Salbei, Pulegon in der Minze oder Linalool im Lavendel sorgen nicht nur für intensive Düfte, sondern haben oft auch medizinische Wirkung. Bitterstoffe und Gerbstoffe fördern die Verdauung und wirken antibakteriell, während Flavonoide die Pflanze vor UV-Strahlung schützen und gleichzeitig Bestäuber anlocken. Kein Wunder, dass viele Arten seit Jahrhunderten geschätzt werden. Ein Klassiker ist Zitronenmelisse (Melissa officinalis), die in mittelalterlichen Klostergärten als Heilpflanze kultiviert wurde und noch heute beruhigende Tees liefert. Auch die kulinarische Welt ist voll von Lippenblütlern: Oregano (Origanum vulgare) veredelt Pizza, Rosmarin (Rosmarinus officinalis) verströmt Duft auf Braten und Kartoffeln, und Pfefferminze (Mentha × piperita) belebt Desserts und Getränke. Anekdotisch erzählt man sich, dass der französische König Ludwig XIV. angeblich täglich Lavendeltee trank, um seinen Magen zu beruhigen und die Sinne zu schärfen. Auch als Zierpflanzen haben Lippenblütler ihren festen Platz. Lavendel und Rosmarin bringen mediterranes Flair in den Garten, während tropische Vertreter wie Buntblättriges Schildblatt (Coleus blumei) mit bunt gemusterten Blättern für exotische Akzente sorgen. Dabei ist der Pflegeaufwand meist überschaubar: ein sonniger Standort, durchlässiger Boden und gelegentliches Gießen genügen oft, um die Pflanzen gesund und blühfreudig zu halten. Wer einmal einen kleinen Versuch im Garten wagt, etwa mit verschiedenen Minzearten, wird schnell feststellen, dass Gracile Minze (Mentha × gracilis) sich fast wie von selbst ausbreitet – Vorsicht ist also geboten, um das Beet nicht zu übernehmen. Kulturhistorisch haben Lippenblütler schon früh die Menschen fasziniert: Schon die alten Ägypter nutzten Lavendel zur Einbalsamierung, während Mönche des Mittelalters Salbei als „Allheilmittel“ schätzten. Systematisch gehören die Lippenblütler zur Familie Lamiaceae, früher auch als Labiatae bezeichnet. Die Familie gliedert sich in mehrere Unterfamilien, darunter die Nepetoideae mit Minzen und Basilikum, die Prostantheroideae tropischer Regionen, die Scutellarioideae mit Helmkraut-Arten wie Seitliches Helmkraut (Scutellaria lateriflora) und die Ajugoideae mit Gundelreben. Fossile Funde zeigen, dass Lippenblütler bereits seit der Kreidezeit existieren und sich über Jahrmillionen in unterschiedlichsten Lebensräumen angepasst haben. Ihre Verbreitung ist nahezu global, wobei der Schwerpunkt in den mediterranen, tropischen und gemäßigten Zonen liegt. Lippenblütler faszinieren nicht nur durch ihr Aussehen und ihren Duft, sondern auch durch ihre Rolle in der Ökologie. Sie bieten Nahrung und Lebensraum für unzählige Insekten, von Bienen über Schmetterlinge bis hin zu Ameisen, die bei manchen Arten die Samen verbreiten. Wer einen Garten oder Balkon mit Echtem Lavendel (Lavandula angustifolia), Steppen-Salbei (Salvia nemorosa) oder Thymian (Thymus vulgaris) bepflanzt, tut also nicht nur etwas für das Auge, sondern unterstützt aktiv Bestäuber in der Natur. Gleichzeitig sind einige mediterrane Arten durch Habitatverlust und Klimawandel bedroht, was ihren Schutz umso dringlicher macht. In Summe verbinden die Lippenblütler ästhetische Schönheit, ökologischen Nutzen, kulinarischen Wert und faszinierende Mechanik. Sie sind kleine Wunderwerke der Natur, die auf engem Raum unglaubliche Vielfalt und Funktionalität vereinen. Wer ihren Duft, ihre Farben und ihre Geschichten bewusst erlebt, entdeckt mit jeder Blüte ein Stück Kultur, Ökologie und Magie – und versteht, warum diese Pflanzenfamilie seit Jahrtausenden Menschen und Tiere gleichermaßen begeistert. Quellen: Lippenblütler – Wikipedia Lippenblütler – Hortipendium Lippenblütler (Lamiaceae) - Wissen & Pflanzen dieser Familie Lamiaceae: Wissenswertes über die Lippenblütler - Mein schöner Garten GMGK - Köllen Druck und Verlag GmbH: Lippenblütler – Familie mit vielen Heil- und Gewürzkräutern Lippenblütler - Lexikon der Biologie
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