Vierkantig, duftig, unwiderstehlich – die wilden Lamiaceae

Alexandra Abredat

Die Lippenblütler, auf Latein Lamiaceae, gehören zu den auffälligsten und vielseitigsten Pflanzenfamilien der Erde. Mit über 7.000 Arten in rund 230 Gattungen erstrecken sie sich von den sonnigen Lavendelfeldern des Mittelmeerraums bis in die tropischen Regenwälder. Ihre charakteristischen vierkantigen Stängel und die gegenständig angeordneten Blätter machen sie leicht erkennbar, während die oft stark duftenden ätherischen Öle ihren unverwechselbaren Charme ausmachen. Ob in der Küche, als Heilpflanzen oder als Ziergewächse im Garten – Lippenblütler bereichern das menschliche Leben auf vielfältige Weise. Wer schon einmal durch ein Feld Echter Lavendel (Lavandula angustifolia) geschlendert ist, kennt das Gefühl, wie der Duft die Sinne umhüllt und die Gedanken beruhigt.


Besonders auffällig sind ihre Blüten. Sie sind zygomorph, also einseitig symmetrisch, und bestehen meist aus fünf Kronblättern, die sich zu einer Ober- und Unterlippe formen. Auf den ersten Blick mag das nur ästhetisch wirken, doch diese Form hat einen praktischen Zweck: Sie erleichtert die Bestäubung durch Insekten. Bei Echtem Salbei (Salvia officinalis) funktioniert das wie ein kleiner Zaubertrick: Die Oberlippe der Blüte wirkt wie ein Hebel, der beim Betreten durch eine Biene die Staubblätter herunterschlägt und den Pollen gezielt auf den Rücken des Besuchers katapultiert. Ein winziges, perfektes Zusammenspiel von Mechanik und Biologie. Wer genau hinschaut, kann sogar die Nektarleitlinien erkennen, feine Linien auf den Blütenblättern, die wie Landebahnen für Insekten wirken. Auch die Früchte der Lippenblütler sind clever konstruiert: Meist handelt es sich um sogenannte Klausen, die nach der Reife in vier Teilfrüchte zerfallen und so die Samen effektiv verteilen.


Lippenblütler sind wahre Magneten für Bestäuber. In unseren Gärten sind es vor allem Bienen und Hummeln, die sich über Thymian (Thymus vulgaris), Oregano (Origanum vulgare) oder Gartenminze (Mentha spicata) hermachen, während in tropischen Regionen auch Kolibris oder Schmetterlinge die Arbeit übernehmen. Manche Arten haben sogar skurrile Eigenheiten entwickelt: Duftnessel (Agastache foeniculum) verströmt einen süßen Anisduft, der Kolibris und Schmetterlinge gleichermaßen anlockt. Viele Lippenblütler bevorzugen sonnige, durchlässige Standorte, doch tropische Vertreter wie Barbados-Basilikum (Plectranthus barbatus) fühlen sich auch in feuchten Wäldern wohl.


Die chemische Ausstattung der Lippenblütler ist mindestens ebenso faszinierend wie ihre Blütenmechanik. Ätherische Öle wie Thujon im Salbei, Pulegon in der Minze oder Linalool im Lavendel sorgen nicht nur für intensive Düfte, sondern haben oft auch medizinische Wirkung. Bitterstoffe und Gerbstoffe fördern die Verdauung und wirken antibakteriell, während Flavonoide die Pflanze vor UV-Strahlung schützen und gleichzeitig Bestäuber anlocken. Kein Wunder, dass viele Arten seit Jahrhunderten geschätzt werden. Ein Klassiker ist Zitronenmelisse (Melissa officinalis), die in mittelalterlichen Klostergärten als Heilpflanze kultiviert wurde und noch heute beruhigende Tees liefert. Auch die kulinarische Welt ist voll von Lippenblütlern: Oregano (Origanum vulgare) veredelt Pizza, Rosmarin (Rosmarinus officinalis) verströmt Duft auf Braten und Kartoffeln, und Pfefferminze (Mentha × piperita) belebt Desserts und Getränke. Anekdotisch erzählt man sich, dass der französische König Ludwig XIV. angeblich täglich Lavendeltee trank, um seinen Magen zu beruhigen und die Sinne zu schärfen.


Auch als Zierpflanzen haben Lippenblütler ihren festen Platz. Lavendel und Rosmarin bringen mediterranes Flair in den Garten, während tropische Vertreter wie Buntblättriges Schildblatt (Coleus blumei) mit bunt gemusterten Blättern für exotische Akzente sorgen. Dabei ist der Pflegeaufwand meist überschaubar: ein sonniger Standort, durchlässiger Boden und gelegentliches Gießen genügen oft, um die Pflanzen gesund und blühfreudig zu halten. Wer einmal einen kleinen Versuch im Garten wagt, etwa mit verschiedenen Minzearten, wird schnell feststellen, dass Gracile Minze (Mentha × gracilis) sich fast wie von selbst ausbreitet – Vorsicht ist also geboten, um das Beet nicht zu übernehmen. Kulturhistorisch haben Lippenblütler schon früh die Menschen fasziniert: Schon die alten Ägypter nutzten Lavendel zur Einbalsamierung, während Mönche des Mittelalters Salbei als „Allheilmittel“ schätzten.


Systematisch gehören die Lippenblütler zur Familie Lamiaceae, früher auch als Labiatae bezeichnet. Die Familie gliedert sich in mehrere Unterfamilien, darunter die Nepetoideae mit Minzen und Basilikum, die Prostantheroideae tropischer Regionen, die Scutellarioideae mit Helmkraut-Arten wie Seitliches Helmkraut (Scutellaria lateriflora) und die Ajugoideae mit Gundelreben. Fossile Funde zeigen, dass Lippenblütler bereits seit der Kreidezeit existieren und sich über Jahrmillionen in unterschiedlichsten Lebensräumen angepasst haben. Ihre Verbreitung ist nahezu global, wobei der Schwerpunkt in den mediterranen, tropischen und gemäßigten Zonen liegt.


Lippenblütler faszinieren nicht nur durch ihr Aussehen und ihren Duft, sondern auch durch ihre Rolle in der Ökologie. Sie bieten Nahrung und Lebensraum für unzählige Insekten, von Bienen über Schmetterlinge bis hin zu Ameisen, die bei manchen Arten die Samen verbreiten. Wer einen Garten oder Balkon mit Echtem Lavendel (Lavandula angustifolia), Steppen-Salbei (Salvia nemorosa) oder Thymian (Thymus vulgaris) bepflanzt, tut also nicht nur etwas für das Auge, sondern unterstützt aktiv Bestäuber in der Natur. Gleichzeitig sind einige mediterrane Arten durch Habitatverlust und Klimawandel bedroht, was ihren Schutz umso dringlicher macht.


In Summe verbinden die Lippenblütler ästhetische Schönheit, ökologischen Nutzen, kulinarischen Wert und faszinierende Mechanik. Sie sind kleine Wunderwerke der Natur, die auf engem Raum unglaubliche Vielfalt und Funktionalität vereinen. Wer ihren Duft, ihre Farben und ihre Geschichten bewusst erlebt, entdeckt mit jeder Blüte ein Stück Kultur, Ökologie und Magie – und versteht, warum diese Pflanzenfamilie seit Jahrtausenden Menschen und Tiere gleichermaßen begeistert.


Quellen:

Lippenblütler – Wikipedia

Lippenblütler – Hortipendium

Lippenblütler (Lamiaceae) - Wissen & Pflanzen dieser Familie

Lamiaceae: Wissenswertes über die Lippenblütler - Mein schöner Garten

GMGK - Köllen Druck und Verlag GmbH: Lippenblütler – Familie mit vielen Heil- und Gewürzkräutern

Lippenblütler - Lexikon der Biologie

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Tausende Stare bewegen sich dabei wie eine einzige, atmende Masse durch den Himmel. Kein Anführer, kein Regisseur, kein zentrales Kommando – und doch absolute Synchronität. Der Grund ist denkbar pragmatisch: Raubvögel wie Falken können sich kaum auf ein einzelnes Ziel konzentrieren. Der Schwarm schützt jedes einzelne Tier durch pure Kooperation. Kein Vogel ist wichtiger als der andere, und genau das macht alle sicherer. Ein Prinzip, das auch in menschlichen Teams erstaunlich gut funktioniert – zumindest solange niemand versucht, sich dauerhaft in den Mittelpunkt zu drängen. Ähnlich klar organisiert ist die Zusammenarbeit bei Wölfen – allerdings weniger hierarchisch, als lange angenommen wurde. Moderne Verhaltensforschung zeigt: Ein Wolfsrudel ist meist eine Familiengemeinschaft, bestehend aus einem Elternpaar und dessen Nachwuchs. Entscheidungen entstehen oft situativ und kooperativ. Das berühmte Heulen ist kein Ausdruck von Romantik, sondern ein hochfunktionales Kommunikationsmittel. Wölfe heulen, um sich zu sammeln, um Kontakt zu halten, um Zugehörigkeit zu klären. Gejagt wird gemeinsam, aber nicht nach starren Befehlen, sondern mit flexiblen Rollen, die sich je nach Situation und Erfahrung der Tiere verändern. Führung ist hier kein Dauerstatus, sondern eine Aufgabe auf Zeit – übernommen von dem Tier, das gerade die besten Voraussetzungen mitbringt. Das spart Energie. Und erstaunlich viele Konflikte. Auch Ameisen sind Meisterinnen der effizienten Zusammenarbeit – und das ganz ohne Chefetage. Besonders faszinierend ist ihr sogenannter Tandemlauf. Dabei führt eine erfahrene Ameise eine andere gezielt zu einer Nahrungsquelle. Die Geführte bleibt durch ständigen Kontakt in der richtigen Richtung, lernt den Weg und kann ihn später selbstständig nutzen. Wissen wird nicht abstrakt vermittelt, sondern im Tun weitergegeben. Viele moderne Führungskräfte würden dafür ein Tagesseminar buchen. Manche Tierarten treiben Teamarbeit sogar in eine ästhetische Dimension. Flamingos etwa versammeln sich zu Tausenden und führen synchronisierte Gruppentänze auf. Beine heben, drehen, schreiten – alles gleichzeitig. Das sieht spektakulär aus, erfüllt aber einen klaren Zweck: Es stärkt den Zusammenhalt und spielt eine zentrale Rolle bei der Partnerwahl. Wer aus dem Takt gerät, fällt auf. Auch Delfine sind bekannt für ihre synchronen Bewegungen. Sie schwimmen abgestimmt, führen gemeinsame Pirouetten aus, helfen verletzten Artgenossen und lösen Probleme kooperativ. Empathie ist hier kein sentimentaler Zusatz, sondern Teil der Überlebensstrategie. Besonders spannend wird Zusammenarbeit dort, wo sie Artgrenzen überschreitet. In der Natur nennt man das Symbiose – Zusammenleben zum gegenseitigen Vorteil. Ein klassisches Beispiel ist die Beziehung zwischen Clownfisch und Seeanemone. Die Anemone ist mit giftigen Nesselkapseln bewaffnet, die selbst große Räuber vertreiben. Der Clownfisch jedoch lebt geschützt zwischen ihren Tentakeln, da seine Haut chemisch so getarnt ist, dass die Anemone ihn nicht als Fremdkörper erkennt. Im Gegenzug vertreibt der Clownfisch Fressfeinde der Anemone. Schutz gegen Verteidigung. Klarer Deal, klare Rollen. Auch Wölfe arbeiten artübergreifend – etwa mit Kolkraben. Die Vögel entdecken aus der Luft Kadaver oder verletzte Tiere, die Wölfe öffnen mit ihren Zähnen die dicke Haut. Erst dann können beide fressen. Ohne Absprache, aber mit gegenseitigem Nutzen. Vertrauen entsteht hier nicht aus Sympathie, sondern aus Erfahrung. Im Korallenriff übernehmen Putzerfische die Rolle mobiler Zahnärzte. Große Fische öffnen bereitwillig ihr Maul und lassen Parasiten und Essensreste entfernen. Eine riskante, aber lohnende Kooperation. Allerdings gibt es Betrüger: Fische, die sich als Putzer tarnen, zubeißen und fliehen. Die Folge ist Misstrauen. Manche Räuber fressen lieber den Putzerfisch, als sich auf die Reinigung einzulassen. Auch das ist Natur: Kooperation braucht Verlässlichkeit – sonst endet sie abrupt. Nicht jede Symbiose ist so ausgewogen, wie sie lange schien. Beim Madenhacker etwa, der auf Antilopen, Büffeln oder Nashörnern sitzt, zeigte sich erst spät: Er frisst nicht nur Parasiten, sondern oft auch Fleisch aus offenen Wunden. Die Beziehung nützt häufig mehr dem Vogel als dem Säugetier. Zusammenarbeit ist also nicht automatisch fair. Ein wichtiger Hinweis für alle, die Teamarbeit idealisieren. Dass Kooperation sogar hochgradige kognitive Leistungen erfordert, zeigen aktuelle Forschungen zur gemeinsamen Jagd von Oktopussen und Rifffischen. Der Biologe Eduardo Sampaio und sein Team konnten nachweisen, dass diese Tiere ihr Verhalten flexibel aufeinander abstimmen. Die Fische zeigen dem Oktopus versteckte Beute, der Oktopus scheucht sie heraus oder umschlingt sie mit seinen Armen. Wer die Zusammenarbeit ausnutzt, riskiert Sanktionen. Kooperation erfordert Wahrnehmung, Lernen – und soziale Kontrolle. Besonders aufschlussreich ist auch der Vergleich zwischen Wolf und Hund. Obwohl Hunde als besonders kooperativ gelten, schneiden sie in Tests zur Zusammenarbeit mit Artgenossen schlechter ab als Wölfe. In Experimenten, bei denen zwei Tiere gleichzeitig an einem Seil ziehen mussten, um an Futter zu kommen, warteten Wölfe geduldig aufeinander und koordinierten ihr Handeln. Hunde agierten häufiger individuell. Die Erklärung ist simpel und unbequem: Hunde sind auf Kooperation mit Menschen selektiert – nicht mit ihresgleichen. Teamfähigkeit ist also keine Selbstverständlichkeit, sondern kontextabhängig. Ein Extrembeispiel für kompromisslose Zusammenarbeit liefern Nacktmulle. Blind, haarlos und fast schmerzunempfindlich leben sie in Kolonien von bis zu 300 Tieren unter der Erde. Es gibt eine Königin, Arbeiter und Soldaten, klare Aufgaben und sogar eigene Dialekte. Effizienz und Spezialisierung sind hier perfekt – individuelle Freiheit spielt keine Rolle. Bewundernswert, ja. Erstrebenswert für menschliche Teams? Eher nicht. Denn natürlich hat Zusammenleben auch Nachteile. Konkurrenz um Nahrung, Rangkämpfe, Krankheiten und Parasiten gehören ebenso dazu. Tiergruppen müssen ständig abwägen, ob Kooperation sich lohnt. Gruppengröße, Verwandtschaft, Lebensraum und Jahreszeit entscheiden darüber, ob Teamarbeit Vorteile bringt oder zur Belastung wird. Und genau hier liegt die wichtigste Lehre für uns Menschen: Gute Teams entstehen nicht aus Harmonieversprechen, sondern aus Klarheit. Klare Kommunikation, verlässliche Rollen, gegenseitiger Nutzen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Tiere zeigen uns nicht, wie man nett zusammenarbeitet – sondern wie man wirksam zusammenlebt. Vielleicht ist das der größte Mehrwert der Natur für Coachingprozesse: Sie erlaubt uns, Teamverhalten jenseits von Moral und Ideologie zu betrachten. Ehrlich, funktional und oft erstaunlich humorvoll. Denn manchmal reicht ein Blick ins Starengemurmel, um zu erkennen: Wenn alle versuchen, der Falke zu sein, wird das Team sehr schnell sehr klein. Quellen: Teamwork - 3sat-Mediathek Symbiose: Warum sich Tierarten zusammentun - [GEOLINO] Tiere als Teamplayer: Was wir von ihnen für die Zusammenarbeit im Job lernen können - Heidrun Jürgens Personaldienstleistungen Tierische Allianzen | campus.kn Wölfe sind die besseren Teamplayer - wissenschaft.de Wie leben Tiere zusammen - VRM Wochenblätter Natho, F. (2005). Die Lösung liegt im Team. Handbuch zur Arbeit mit der Skalierungsscheibe. Dessau: Gamus. Frank Natho systhema 3/2007 · 21. Jahrgang · Seite 357-370
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