Acht Wochen Erasmus in Österreich – zwischen Wald, Wasser und Wandel (Teil 2)
Die zweite Hälfte beginnt nicht neu, sondern vertieft, was bereits angelegt ist. Routinen sind vorhanden, Abläufe gefestigt, die Handgriffe sitzen. Genau darin entsteht eine andere Form von Spannung. Die Arbeit wird präziser, Abweichungen werden schneller sichtbar und Zusammenhänge treten deutlicher hervor.
Der Arbeitsalltag bleibt körperlich fordernd. Beim Heben und Tragen des Pflanzenmaterials, beim Befüllen der Destillen und beim Entleeren der noch heißen Anlage sind Kraft, Ausdauer und Aufmerksamkeit gleichzeitig erforderlich. Meine Schultern, mein Rücken und meine Arme werden dabei dauerhaft beansprucht. Die Abläufe wiederholen sich, die Belastung bleibt konstant. Am Ende eines Tages ist im gesamten Körper spürbar, was diese Arbeit tatsächlich bedeutet. Zugleich verlangt die Destillation in jedem einzelnen Schritt ein hohes Maß an Präzision. Desinfizieren, Befüllen, Erhitzen, Entleeren und Reinigen greifen ineinander. Fehler lassen sich nicht ausgleichen, sondern zeigen sich unmittelbar.
Die Phase der Weißtanne ist abgeschlossen. Zehn Destillationen liegen hinter dem Team und mir. Jeder Durchgang folgt einem klar strukturierten Ablauf, bei dem das Pflanzenmaterial vorbereitet, die Anlage befüllt, der Destillationsprozess gesteuert und am Ende ätherisches Öl und Hydrolat voneinander getrennt werden. Anschließend wird die Anlage sorgfältig gereinigt und für den nächsten Prozess vorbereitet. Dieser Übergang stellt keinen Abschluss dar, sondern bildet die Voraussetzung für das, was folgt. Mit Rosmarin setzt sich die Arbeit fort. Sein Duft ist würzig, frisch und von einer leicht kampferartigen Note geprägt. Kampfer gehört zu den Inhaltsstoffen vieler ätherischer Öle und wirkt anregend auf Kreislauf und Aufmerksamkeit. Während der Destillation wird diese Wirkung unmittelbar spürbar. Müdigkeit tritt in den Hintergrund, der Kopf wird wach und die Wahrnehmung gewinnt an Klarheit. Parallel dazu arbeite ich mit Lavendelöl. Dessen Duft ist weich und ausgleichend. In der Kombination entsteht ein ruhiges Gleichgewicht zwischen Klarheit und Stabilität.

Bild oben: Die Weißtannen "Reste"
Beim anschließenden Reinigen zeigt sich die Intensität besonders deutlich. Heiße Metallflächen, dichter Wasserdampf und die Gerüche der Pflanzen bilden eine Arbeitsumgebung, die unmittelbar körperlich spürbar ist. Diese Tätigkeit verlangt über Stunden hinweg sowohl Kraft als auch Konzentration. In der kleinen Kupferdestille wird anschließend Ringelblume verarbeitet. Dabei werden 600 Gramm getrocknete Blüten eingesetzt, aus denen 1200 Milliliter Hydrolat gewonnen werden. Dieses Hydrolat ist das wässrige Destillat und enthält die wasserlöslichen Inhaltsstoffe der Pflanze.
Der Duft der Ringelblume ist warm, leicht süßlich und erinnert an trockenes Heu. Die Pflanze ist mir aus meiner bisherigen Arbeit gut vertraut. Sie wird seit langem in der Naturheilkunde eingesetzt, insbesondere bei Hautverletzungen. Ihre entzündungshemmenden Eigenschaften sowie ihre Fähigkeit, die Wundheilung zu unterstützen, sind wissenschaftlich belegt. Bereits Hildegard von Bingen hat sie beschrieben. Das Hydrolat eignet sich zur Pflege empfindlicher und entzündeter Haut, zur Unterstützung der Regeneration bei kleinen Verletzungen und zur Beruhigung gereizter Hautzustände. Auch in der Haarpflege sowie in der Pflege sensibler Haut findet es Anwendung. Die Breite dieser Nutzung steht in direktem Zusammenhang mit der schonenden Herstellung.
Darauf folgt die Verarbeitung von Beifuß, wodurch sich das Spektrum deutlich erweitert. Die Pflanze weist eine komplexere Zusammensetzung auf. Das ätherische Öl enthält unter anderem Kampfer, Thujon und Cineol sowie weitere Bestandteile wie Borneol oder Sabinen. Das Hydrolat wird äußerlich zur Hautreinigung und bei entzündlichen Hautzuständen eingesetzt. In der traditionellen Anwendung wird es auch innerlich genutzt, etwa zur Unterstützung des Immunsystems oder begleitend bei Belastungen des Körpers. Diese Anwendung erfordert jedoch fachliche Begleitung, da die Pflanze wirksam ist und entsprechend verantwortungsvoll eingesetzt werden muss.

Bild oben: Sauwald-Panoramastraße, Ende März
In meiner freien Zeit nehme ich mir bewusst die Zeit, die Sauwald-Panoramastraße zu fahren. Sie führt durch eine Region, die von Fichtenwäldern, grünen Wiesen und kleinen Ortschaften geprägt ist und immer wieder weite Ausblicke eröffnet. Kurven, Höhen und wechselnde Blickachsen prägen das Bild. Der Name Sauwald steht am Anfang dieser Landschaft wie ein leiser Stolperstein. Er wirkt schlicht und beinahe grob, als würde er nicht recht zu dem passen, was sich dahinter verbirgt. Schnell ist die volkstümliche Erklärung zur Hand: Wildschweine, die einst durch diese Wälder zogen. Der Blick zurück eröffnet jedoch eine andere Spur. Wahrscheinlicher verweist der Name auf den „Passauer Wald“ und damit auf die enge historische Verbindung zur Stadt Passau und ihrem Bistum. In diesem scheinbar einfachen Wort liegt bereits eine Schichtung aus Geschichte, Deutung und Erinnerung. Landschaft beginnt hier nicht erst mit dem, was sichtbar ist, sondern mit dem, was benannt wurde.
Geologisch gehört die Region zur Böhmischen Masse, einem der ältesten Grundgebirge Europas. Das Gelände erhebt sich südlich der Donau und fällt nach Norden hin deutlich ab. Diese Struktur ist unmittelbar spürbar. Die Donau liegt tief im Tal und verändert je nach Licht ihre Farbe. Ihre Bewegung bleibt konstant und prägt den Raum. Mit einem mittleren jährlichen Abfluss von rund 6855 Kubikmetern pro Sekunde und einer Gesamtlänge von 2857 Kilometern ist sie nach der Wolga der zweitgrößte und zweitlängste Fluss Europas.

Bild oben: Passau, vom Schiff aus
Passau erschließt sich mir bewusst zu Fuß. Die Stadt liegt eng zwischen Donau, Inn und Ilz. Diese drei Flüsse bestimmen ihre Struktur. Die Altstadt ist dicht, lebendig und von Bewegung geprägt. Auch Linz gehört zu meinen Stationen. Die Stadt ist mir zu groß, zu laut und von zu vielen Menschen geprägt. Dennoch lohnt sich ein Besuch, insbesondere der Altstadt. Der Botanische Garten bildet dazu einen ruhigen Gegenpol. Frühblühende Pflanzen zeigen dort den Übergang in den Frühling sehr klar. Im Vergleich zu anderen botanischen Gärten, die ich kenne, fällt er jedoch eher klein aus.
Immer wieder begegnen mir Tiere. Fasane halten sich am Rand von Feldern und Wegen auf und bewegen sich ruhig durch das hohe Gras. Hasen zeigen sich in den offenen Wiesen, aufmerksam und jederzeit zur Flucht bereit. Rehe stehen regelmäßig direkt vor dem Haus, das unmittelbar an ein Waldstück grenzt, und lassen sich dort aus nächster Nähe beobachten. Wasservögel prägen die Bereiche entlang von Donau und Inn und gehören ebenso selbstverständlich zu diesem Bild.

Bild oben: Linz, Innenstadt
Am Ende der acht Wochen stellt sich die Frage nach der Bewertung. Hat es sich gelohnt und würde ich es wieder machen? Die Antwort fällt eindeutig aus. Der Aufenthalt hat sich gelohnt. Besonders die Zusammenarbeit im Sensoleo-Team trägt diese Zeit entscheidend. Empathische Unterstützung, Humor und ein gemeinsamer Arbeitsrhythmus sind maßgeblich für meine positive Bewertung. Ob ich dafür noch einmal meinen kompletten Jahresurlaub von zwei Jahren für ein Erasmus-Programm einsetzen würde, bleibt offen. Vielleicht.











