Vier Wochen Erasmus in Österreich – zwischen Wald, Wasser und Wandel (Teil 1)
Die Reise beginnt lange, bevor ein Motor anspringt. Sie beginnt in einem diffusen Zwischenraum aus Idee und Zweifel, irgendwo im Sommer 2025, als der Gedanke an Erasmus+ zum ersten Mal nicht mehr nur abstrakt blieb, sondern sich langsam verdichtete. Europa, Austausch, Entwicklung – große Worte, die in der Praxis plötzlich ganz konkret werden. Formulare, Abstimmungen, E-Mails, Fristen. Vieles davon war überraschend klar strukturiert und mit etwas Geduld gut zu bewältigen. Die eigentliche Herausforderung lag jedoch nicht im Organisatorischen, sondern im Inneren. In diesem leisen Unbehagen, das sich meldet, wenn man nicht genau weiß, worauf man sich einlässt und das sich auch nicht sofort legt.
Sensoleo in Österreich war zu diesem Zeitpunkt noch mehr Vorstellung als Realität. Ich wusste, dass dort destilliert wird, dass mit Pflanzen gearbeitet wird, dass Qualität und Regionalität eine Rolle spielen. Aber wie sich das anfühlen würde, wie es riecht, klingt, sich im Körper anfühlt – das wusste ich nicht. Und genau darin lag eine eigentümliche Spannung: nicht vorbereitet im klassischen Sinne zu sein, sondern offen.
Die Fahrt Anfang März verläuft ruhig, fast unspektakulär. Passau bleibt ein kurzer Moment am Rand, ein Übergang, kein Ziel. Dahinter beginnt etwas anderes. Die Straßen werden kurviger, die Landschaft weiter und gleichzeitig stiller. Wälder, Felder, vereinzelte Höfe. Mein erster Halt liegt in Esternberg. Die Arbeit findet in Münzkirchen statt, ein paar Kilometer entfernt.
Das Ankommen ist warm – so, wie es sich schon im Mail- und Telefonkontakt angedeutet hat. Kein vorsichtiges Herantasten, sondern sofortige Offenheit. Ich werde nicht nur begrüßt, ich werde aufgenommen. Meine Unterkunft ist großzügig, modern und ruhig. Kein Übergangsort, sondern ein Raum, der Stabilität gibt. Und genau das verändert den Blick auf alles, was folgt. Schneller, als es sich vorher angefühlt hat.

Die Arbeit beginnt leise. Namen, Gesichter, erste Abläufe. Der Verkaufsraum wirkt fast wie eine kleine Inszenierung, liebevoll gestaltet, mit einem Gespür für Details. Die Produktionsräume dagegen sind klar, konzentriert und funktional. Hier liegt der Fokus auf dem Tun. Und irgendwo dazwischen beginne ich, meinen eigenen Platz zu finden. Noch unsicher, aber spürbar.
Die ersten Aufgaben sind einfach und gleichzeitig grundlegend. Abfüllen, etikettieren, verpacken. Routinen, die sich wiederholen. Und doch wird schnell deutlich, dass diese scheinbar einfachen Handgriffe das Ende eines langen Prozesses markieren. Jede Flasche trägt eine Geschichte, die weit vor mir beginnt. Eine, die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kenne.
Mit den ersten Destillationen beginnt sich etwas zu vertiefen. Gurkenhydrolat (Bilder oben) wirkt kühlend, ausgleichend, fast ordnend. Es ist mehr als ein Duft, es ist eine Wirkung, die sich spürbar entfaltet. Diese Qualität ist mir vertraut. Ich arbeite seit langem mit Pflanzen und ätherischen Ölen, kenne ihre Wirkungen, ihre feinen Unterschiede und ihre Anwendung auf Haut und Psyche. Gurke setze ich gezielt bei sensibler oder gereizter Haut ein – ihre kühlende, regulierende Wirkung bringt ein überreiztes System zurück in Balance.
Neu ist für mich nicht die Wirkung, sondern ihre Form. Hydrolate waren bisher nicht Teil meiner praktischen Arbeit. Hier begegnen sie mir als eigenständige Ebene – näher an der Pflanze, feiner, unmittelbarer. Das Gurkenhydrolat steht nicht mehr nur für Frische oder Pflege. Es zeigt den gesamten Weg dorthin: Pflanze, Wasser, Hitze, Zeit. Die Leichtigkeit der Anwendung bekommt eine nachvollziehbare Tiefe.

Auch die Orange verändert sich in dieser Perspektive. Als ätherisches Öl kenne ich sie als stimmungsaufhellend, beruhigend und ausgleichend – besonders bei innerer Unruhe oder Anspannung. Ihr Duft wirkt weich und gleichzeitig klar, nimmt Schwere, ohne zu überdecken. Im Hydrolat zeigt sie sich anders. Weniger intensiv, aber direkter in ihrer Wirkung. Leichter, fast zugänglicher, und dabei näher an der Pflanze selbst.
Bergamotte (Bild oben) ergänzt dieses Bild. Für mich verbindet sie seit jeher Gegensätze: stimmungsaufhellend und gleichzeitig beruhigend, aktivierend und doch ausgleichend. In der Anwendung ist diese Balance spürbar. Hier wird sichtbar, wie sie entsteht. Frucht, Schale, Inhaltsstoffe und der langsame Weg durch den Dampf greifen ineinander. Die Wirkung erscheint nicht mehr nur als Eigenschaft, sondern als Ergebnis eines präzisen Prozesses.
Ich arbeite weiterhin mit dem, was ich kenne. Aber es kommt eine zusätzliche Ebene hinzu. Zwischen Pflanze und Anwendung wird ein Schritt sichtbar, der bisher gefehlt hat.
Hier wird nichts einfach hergestellt. Hier wird übersetzt. Pflanze wird Erfahrung.
Und diese Erfahrung reicht weiter, als ich es bisher wahrgenommen habe.

Dann kommt der Wald. Und mit ihm die Weißtanne. Abies alba.
Sie steht da, selbstverständlich. Unauffällig – und gleichzeitig nicht zu übersehen. Tief verwurzelt und sturmsicher – und doch empfindlich gegenüber Veränderungen in ihrem Umfeld. In der Naturheilkunde wird sie seit langem bei Atemwegsbeschwerden und zur Verbesserung der Raumluft geschätzt. Gleichzeitig ist sie selten geworden: In Österreich nimmt sie nur rund 2,4 Prozent der Waldfläche ein und gilt damit als gefährdet.

Die Arbeit beginnt unmittelbar. Sie ist körperlich. Schwer. Direkt. Äste müssen bewegt werden, Material gezogen, getragen, geworfen. Der Wald wird zum Arbeitsraum. Die Weißtanne verliert jede symbolische Bedeutung und zeigt sich als das, was sie ist: Struktur, Widerstand, Gewicht. Und als etwas, das sich nicht einfach fügt. Vom Wald geht es weiter zum Hof. Das Material wird transportiert, zerkleinert, gewogen und vorbereitet. Dann setzt sich der nächste Prozess in Gang. Wasser, Hitze, Dampf und Zeit greifen ineinander – ruhig, gleichmäßig, ohne Eile. Allmählich verändert sich alles. Was eben noch fest und harzig war, wird flüchtig. Der Dampf trägt, löst, trennt. Am Ende stehen ätherisches Öl und Hydrolat, klar voneinander geschieden, geprüft und abgefüllt. Genau darin liegt die Spannung. Denn aus diesem massiven Material entsteht etwas, das sich kaum festhalten lässt: Duft, Hydrolat, ätherisches Öl. Dieser Gegensatz bleibt.
Je länger ich hier arbeite, desto deutlicher wird die Haltung dahinter. Die Rohstoffe stammen – wann immer möglich – aus der Region, wie etwa die Weißtanne. Es wird nichts gefällt, nur um zu produzieren. Jeder Schritt ist nachvollziehbar, dokumentiert und bewusst gesetzt. Selbst das, was übrig bleibt, wird weiterverwendet. Nichts endet einfach. Alles geht weiter. Konsequenter, als ich es erwartet hätte.

Zwischen all dem zieht es mich immer wieder hinaus. In die Landschaft. Und schließlich zum Inn. Der Fluss wirkt zunächst ruhig, beinahe kontrolliert. Doch dieser Eindruck hält nicht lange stand. Seine Farbe, dieses milchige Blaugrün, erzählt von seiner Herkunft. Von Gletschern, von Bewegung, von Material, das über große Distanzen getragen wird. Der Inn war einst ein wilder Fluss, hat sich verzweigt, Räume geschaffen und wieder verändert. Heute ist er reguliert, geordnet, eingegrenzt. Und dennoch bleibt etwas Unruhiges. Etwas, das sich nicht ganz beruhigen lässt.
Wenn man länger am Ufer sitzt, merkt man, dass dieser Fluss arbeitet. Ständig. Unter der Oberfläche und dass diese Bewegung nie ganz sichtbar wird.
Bild oben: Graugänse im NSG am unteren Inn
Bild unten: Fischwanderhilfe für das Kraftwerk Schärding-Neuhaus, Mitte März 2026

Es ist schwer, keine Verbindung zu ziehen. Auch dieser Aufenthalt wirkt nach außen strukturiert. Klar. Geordnet. Und gleichzeitig passiert darunter etwas, das sich nicht sofort greifen lässt. Etwas, das Zeit braucht.
Bild unten: Botanischer Garten Frankenburg, Mitte März 2026

Nicht alles läuft reibungslos. Mein Auto wird zu einer eigenen kleinen Geschichte. Eine zu schwache Batterie, mehrere Momente des Stillstands. Der Schlüssel dreht sich – nichts passiert. Noch einmal. Wieder nichts. Für einen kurzen Moment ist alles still. Es sind diese Situationen, die einen plötzlich abhängig machen. Und dann ist da jemand, der hilft. Der das Problem löst, ohne viel Aufhebens. Schnell. Selbstverständlich.
Was den Aufenthalt jedoch wirklich trägt, sind die Menschen. Einladungen zum Essen, Gespräche, echtes Interesse. Es entsteht eine Verbindung, die nicht geplant ist, sondern wächst. Ich bin nicht nur hier, um zu lernen. Ich bin Teil eines Alltags geworden. Das macht den Unterschied.
Wenn ich auf die ersten vier Wochen meiner insgesamt acht Wochen zurückblicke, merke ich, dass sich meine Erwartungen verschoben haben. Ich wollte Wissen sammeln, Abläufe verstehen. Was ich stattdessen gefunden habe, ist ein tieferes Verständnis für Prozesse, für Zusammenhänge und für Haltung. Viele meiner anfänglichen Unsicherheiten haben sich nicht durch Antworten aufgelöst, sondern durch Erfahrung. Durch das Tun, durch das Dabeisein, durch das Aushalten von Unklarheit. Durch Dinge, die sich erst im Nachhinein erklären. Es ist weniger das, was ich gelernt habe, als die Art, wie ich es gelernt habe. Die Arbeit ist körperlich anstrengend. Im Moment spüre ich jeden Muskel und jeden Knochen. Und genau darin liegt auch eine eigene Form von Klarheit – eine, die nicht über den Kopf entsteht, sondern über den Körper. Trotzdem blicke ich optimistisch auf die nächsten vier Wochen. Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wert. Dieser Aufenthalt verändert nicht laut. Er arbeitet leise.
Quellen und weitere Informationen:
Naturium am Inn - das grenzübergreifende Naturschutz- und Umweltbildungszentrum | Naturium am Inn
Fischwanderhilfe beim VERBUND-Innkraftwerk Schärding-Neuhaus











