Spinnen im Winter: Überleben, Strategie und Kuriositäten
Wenn der Herbst Einzug hält und die Temperaturen sinken, scheinen Spinnen plötzlich vom Erdboden verschluckt zu sein. In Wirklichkeit haben sie höchst durchdachte Strategien entwickelt, um die frostigen Monate zu überstehen. Als wechselwarme Tiere übernehmen sie die Temperatur ihrer Umgebung, werden bei Kälte träge und müssen ohne geeignete Schutzmaßnahmen erfrieren – was die Natur durch ausgeklügelte Überlebensmechanismen verhindert.
Viele heimische Spinnenarten ziehen sich in bodennahe Strukturen zurück: Laubschichten, Streu, Totholz, Steinhaufen oder Hohlräume unter Baumrinden bieten hervorragenden Schutz vor Kälte und Austrocknung. Rund 80 Prozent der Arten nutzen diese Bodenüberwinterung und fallen in eine Kältestarre, bei der Stoffwechsel und Beweglichkeit stark reduziert sind. Um Zellschäden durch Eisbildung zu verhindern, produzieren viele Spinnen körpereigene Frostschutzstoffe aus Zucker, Glycerin oder Aminosäuren. Auf diese Weise überstehen sie selbst Temperaturen bis minus 20 Grad Celsius – reglos, aber lebendig.
Nicht alle Spinnen überwintern als adulte Tiere. Bei vielen endet der Lebenszyklus im Herbst, nachdem die Weibchen Eier in isolierten Kokons abgelegt haben. Die Gartenkreuzspinne (Araneus diadematus) ist ein bekanntes Beispiel: Während die erwachsenen Tiere sterben, überwintern die Eier geschützt im Kokon, der aus mehreren Schichten Spinnseide besteht. Andere Arten, wie der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium), treiben elterliche Fürsorge auf die Spitze: Nach dem Schlupf der Jungtiere stirbt das Weibchen im Gespinst und dient dem Nachwuchs als Nahrung – makaber, aber äußerst effizient.
Manche Spinnen nutzen die Nähe zum Menschen. Hauswinkelspinnen und Zitterspinnen haben sich perfekt an Wohnungen, Keller und Garagen angepasst und sind dort das ganze Jahr über aktiv. Sie wirken oft fehl am Platz, erfüllen aber eine nützliche Aufgabe: Als Insektenjäger halten sie Fliegen, Motten und Stechmücken in Schach. Ihre feinen Körperhaare dienen dabei als hochsensible Sinnesorgane, mit denen sie selbst kleinste Bewegungen wahrnehmen – fast so, als hörten sie jedes Niesen einer Mücke.
Besonders eindrucksvoll ist die Nosferatu-Spinne (Zoropsis spinimana). Seit ihrer Entdeckung 2005 in Deutschland breitet sie sich aus dem Mittelmeerraum stammend zunehmend im Südwesten aus. Groß, langbeinig und auffällig gemustert, kann sie zwar theoretisch zubeißen, tut dies aber nur bei direkter Bedrängnis – die Folgen für Menschen sind in der Regel harmlos. Dafür ist sie ein effizienter nächtlicher Jäger, der die Fliegenpopulation klein hält.
Nicht alle Arten bleiben inaktiv. Einige, wie die Baldachinspinnen (Linyphiidae), bauen auch im Winter Netze in Bodennähe und treiben ihre kleinen Flugfäden durch den Wind. Andere benötigen die Kälte sogar für ihre Entwicklung: Weberknechte (Opiliones), nahe Verwandte der Spinnen, sterben als adulte Tiere, während ihre Eier den Frost benötigen, um sich optimal zu entwickeln.
Ein besonders spektakulärer Überwinterungsfall ist die Wasserspinne (Argyroneta aquatica). Sie bezieht ein leeres Schneckenhaus, füllt es mit Atemluft, verschließt die Öffnung mit Spinnseide und lässt sich an die Wasseroberfläche treiben. Dort friert das Häuschen ein, bis im Frühjahr alles wieder auftaut – eine clevere, beinahe schon technische Lösung für frostige Monate.
Experten wie Dr. Hubert Höfer von der Arachnologischen Gesellschaft e. V. (AraGes) bestätigen: Spinnen überwintern in Mitteleuropa in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Während viele erwachsene Tiere sterben, sichern Eier, Jungtiere oder kälteresistente Erwachsene den Fortbestand der Population. Die AraGes widmet sich der Erforschung dieser Strategien und der Vermittlung fundierten Wissens über heimische Spinnentiere.
Für den Menschen bedeutet dies: ein wenig Nachsicht im Haus und Garten reicht aus, um Spinnen das Überwintern zu erleichtern. Laub, ungemähte Wiesen, Holz- und Steinhaufen dienen nicht nur Spinnen, sondern auch Igeln, Siebenschläfern und anderen Tieren als sichere Winterquartiere. Wer eine Spinne im Haus entdeckt, sollte sie umsiedeln statt töten – Glas und Papier genügen meist.
Am Ende wird deutlich: Spinnen verschwinden im Winter nicht, sie verziehen sich nur an strategisch clevere Orte. Ob in Kokons, unter Laub, in frostgeschützten Bodenverstecken oder sogar in menschlichen Häusern – sie sind Überlebenskünstler. Und wenn wieder eine achtbeinige Gestalt im Keller auftaucht, ist das kein Grund zur Panik. Sie hat sich schlicht den wärmsten und sichersten Platz ausgesucht – und nebenbei die lästige Mückenpopulation reduziert. Wer möchte, kann diesem kleinen Mitbewohner also fast dankbar sein.
Quellen:
Spinnen: Dulden oder raussetzen? - NABU BW
Wie überwintern heimische Spinnen wie die Kreuzspinne?
WIE ÜBERWINTERN INSEKTEN UND SPINNEN? - Insektum
Wo sind die Spinnen im Winter?
„Gefrierschutzmittel“ im Blut: Wie Spinnen den Winter überleben











