Schlehe, Schlehdorn, Schwarzdorn

Alexandra Wizemann

Der Schlehdorn (Prunus spinosa), auch Schwarzdorn oder Sauerpflaume genannt, ist sehr anspruchslos, was den Boden angeht; er liebt aber sonnige Lagen an Waldrändern, Wegen und Felshängen. Als Heckenpflanze ist der Schlehdorn weit verbreitet und wo er auftritt, wuchert er wegen seiner starken Wurzelausläufer gerne. Die Schlehe gehört zu den wichtigsten Wildsträuchern für Tiere: Im Frühjahr bietet ihre überbordende Blütenpracht noch vor dem Laubaustrieb zahlreichen Insekten einen reich gedeckten Tisch; in ihrem Dornengestrüpp finden zahlreiche Vögel sichere Brutplätze und ihre Beeren versorgen sie bis weit in den futterarmen Winter hinein mit gehaltvoller Nahrung. [1]


 
[1] www.br.de/radio/bayern1/schlehen-114nd der Karpaten.

Der Name der Schlehe (von mittelhochdeutsch slēhe) ist wohl auf die Farbe ihrer Frucht zurückzuführen und leitet sich von dem indogermanischen Wort (S)li ab, was „bläulich“ bedeutet. Im Althochdeutschen wurde die Schlehe als sleha bezeichnet. Die slawischen Varianten wie das russische „Слива“ (Sliwa) oder das serbokroatische „šljiva“ (davon abgeleitet: Sliwowitz) bedeuten Zwetschge. [1]


Vorkommen

Die Heimat des Schlehdorns erstreckt sich über Europa, Vorderasien bis zum Kaukasus und Nordafrika. In Nordamerika und Neuseeland gilt er als eingebürgert. Im hohen Norden und auf Island sind keine Bestände belegt. Er vermehrt sich durch Aussaat und durch Wurzelausschläge.

Der Schlehdorn bevorzugt sonnige Standorte an Weg- und Waldrändern und felsigen Hängen oder in Gebüschen, bei eher kalkhaltigen, oft auch steinigen Böden. Als Heckenpflanze ist er weit verbreitet. Man findet ihn häufig in Gesellschaft von Wacholder, Berberitze, Haselnuss, Wildrosen und Weißdornarten. Auf den Dünen an der Ostsee ist er insbesondere mit Weiden vergesellschaftet. Der Schlehdorn besiedelt geeignete Standorte von der Ebene bis in Höhenlagen von 1.600 m.

Schlehenbüschegesellschaften gelten als Bindeglied in der Sukzession [2] zum Hainbuchen-, Buchen- oder Eichenwald. Zahlreiche Funde von Schlehenkernen in neolithischen Feuchtbodensiedlungen zeigen, dass er spätestens während der Jungsteinzeit nach Mitteleuropa eingewandert ist. Im Pfahlbaudorf Sipplingen am Bodensee (Schicht 11, dendrochronologisch um 3300 v. Chr. datiert) gibt es durchlochte Schlehenkerne, die offenbar als Kette getragen wurden. [3]


Vegetative Merkmale

Der sommergrüne, sparrige und sehr dornenreiche Schlehdorn wächst als Strauch oder als kleiner, oft mehrstämmiger Baum, der bis zu 40 Jahre alt werden kann. Er erreicht gewöhnlich Wuchshöhen von drei Metern. In seltenen Fällen können auch Exemplare bis sechs Meter Höhe beobachtet werden. Da die zahlreichen Kurztriebe beinahe im 90°-Winkel von den Langtrieben abstehen, zeigt die Schlehe ein typisch stark verästeltes Erscheinungsbild. Flach verzweigte, bizarre Krüppelformen entstehen durch Wildverbiss oder auch dauerhaft starke Winde und sind insbesondere in den Eichengebüschen der Nordseeküste und den Hängen des Oberrheingrabens anzutreffen.

Die flachwurzelnde Schlehe besitzt eine sehr dunkle, schwärzliche Rinde, die im fortgeschrittenen Alter in schmale Streifen zerreißt. Die Rinde der Triebe ist rotbraun gefärbt und filzig bis fein behaart, später verkahlen sie. Die Zweige zeigen eine rundliche bis kantige Form und sind mit zahlreichen Kurztrieben besetzt. Die Kurztriebe bilden Dornen aus, die im botanischen Sinne umgewandelte Seitentriebe sind und als eine Anpassungsleistung an Trockenheit gedeutet werden. Langtriebe besitzen keine echte Endknospe.

Die 1,5 bis 2 Millimeter langen, hellbraunen Knospen stehen meist zu dritt über einer Blattnarbe, wobei es sich bei den seitlichen gewöhnlich um Blütenknospen handelt, die rundlicher gestaltet sind als die ovalen bis oval-kugeligen Blattknospen. Am Ende der Kurztriebe kommen Blütenknospen oft ohne Internodien gehäuft vor. Die Blätter sind in der Knospenlage gerollt. Die Knospenschuppen sind meist behaart oder bewimpert und laufen in einer Spitze aus.

Die Laubblätter des Schlehdorns stehen an zwei bis zehn Millimeter langen Blattstielen, die leicht behaart sein können, jedoch meist drüsenlos sind. Die Blätter sind wechselständig und häufig büschelig-spiralig angeordnet. Sie fühlen sich relativ weich an. Die Blattspreite entwickelt eine Länge von zwei bis fünf Zentimeter und eine Breite zwischen ein und zwei Zentimeter. Sie bildet eine verkehrt-eiförmige Form aus, die sich zum Blattgrund hin keilförmig verschmälert und in einer spitzen bis stumpfen Blattspitze ausläuft. Der Blattrand weist eine doppelte, feine Zähnung auf. Junge Blätter bilden an ihrer Blattunterseite zunächst eine flaumige Behaarung aus, verkahlen in der Folge und zeigen dann eine mittelgrüne Färbung. Die Blattoberseite ist unbehaart und von dunkelgrüner Farbe. Linealische, am Rand gezähnte Nebenblätter überragen gewöhnlich den Blattstiel. Am Grund der Blattspreite befinden sich Nektarien. [4]


Generative Merkmale

Die weißen Blüten des Schlehdorns erscheinen im März und April – lange vor dem Laubaustrieb. Dadurch lässt sich die Schlehe in diesem Zeitraum leicht vom Weißdorn unterscheiden, dessen Blüten erst nach den Blättern gebildet werden. Die an kurzen, starr abstehenden, meist kahlen Blütenstielen stehenden Blüten sind radiärsymmetrisch, fünfzählig und zwittrig. Ihr Durchmesser beträgt etwa 1,5 cm. Sie bilden sich an den verdornten Kurztrieben und stehen dort sehr dicht einzeln oder zu je zwei aneinander. Charakteristisch ist ihr leichter Mandelduft. Der Blütenbecher ist glockig. Der Kelch besteht aus fünf dreieckigen bis ovalen Kelchblättchen. Sie werden etwa 1,5 bis 2 mm lang und sind am Rand unregelmäßig fein gezähnt. An der Außenseite ist der Kelch unbehaart. Die ovalen, ganzrandigen Kronblätter erreichen eine Länge von etwa sechs bis acht Millimeter. Sie sind nicht miteinander verwachsen und umgeben die etwa zwanzig fünf bis sieben Millimeter langen Staubblätter mit gelben oder rötlichen Staubbeuteln. Diese umgeben einen einzigen Griffel. Der mittelständige Fruchtknoten ist weit in den Achsenbecher eingesenkt.

An einem aufrechten Fruchtstiel entwickelt sich eine kugelige bis schwach ellipsoide, gefurchte Steinfrucht mit einem Durchmesser von 6 bis 18 mm. Sie ist blauschwarz bereift, eine Behaarung wird nicht ausgebildet. Das grüne Fruchtfleisch löst sich nicht vom Steinkern. Der mehr oder weniger doppelspitzige Steinkern besitzt eine kugelige bis linsenförmige Gestalt. Er wird etwa neun Millimeter lang und sechs Millimeter breit, ist pockennarbig, meist von rauer Struktur und mit netzartigen Adern. Von der Rückenfurche gehen schräg gestellte Kammstriche ab. Das Fruchtfleisch ist zunächst sehr sauer und herb – erst nach Frosteinwirkung wird es schmackhafter. Die Fruchtreife erfolgt ab Oktober bis November. Als Wintersteher bleiben die Früchte den Winter über am Strauch. Tiere, die den Samen der Frucht wieder ausscheiden, übernehmen die Ausbreitung. [5]


Bestäubung

Die Innenseite des Blütenbechers sondert reichlich Nektar ab, so dass die Schlehe für zahlreiche Insekten im zeitigen Frühjahr eine wertvolle Nahrungsquelle darstellt. Die Schlehe wird von Insekten bestäubt. [6]


Einige morphologisch ähnliche Arten

Die Schlehe kann mit der Kirschpflaume (Prunus cerasifera) oder mit der Veredlungsunterlage der Pflaume verwechselt werden. Die Kirschpflaume blüht früher, bereits von März bis April und die Zweige sind nur wenig bedornt. [7]


Lebensraum für Tiere

Die fünfblättrigen weißen Blüten sind eine wichtige Nektarquelle im Frühjahr, neben Haus- und Wildbienen tummeln sich hier Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge wie Zitronenfalter, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge und Landkärtchen. So gilt der Schwarzdorn als typischer Schmetterlingsstrauch, zumal die Blätter von rund 70 Schmetterlingsarten zur Eiablage aufgesucht werden, darunter seltene Arten wie der Segelfalter und das Gelbe Ordensband. Im Sommer bieten sein struppiger Wuchs und seine Dornen den Nestern von Amsel, Rotkehlchen und Zaunkönig Schutz. Vögel wie der Neuntöter nutzen Schlehenhecken daneben gerne als „Futterplatz“: Der Neuntöter spießt seine Beutetiere wie Insekten oder Mäuse gerne an den Dornen der Schlehe auf, um sie so leichter verzehren zu können. Und ab Herbst locken dann die schwarz-blauen, herben Schlehenfrüchte nicht nur Tiere zum Verzehr.


Verwendung

Die Früchte der Schlehe, die aussehen wie Miniatur-Pflaumen, sind erst nach dem ersten Frost genießbar. Alternativ kann man sie auch schon vorher ernten und in der Tiefkühltruhe einfrieren. Die Frosteinwirkung ist unerlässlich für den puren Genuss und die Weiterverarbeitung in Saft, Gelee, Schlehengeist, Schlehenbrand oder Schlehen-Likör. Durch die Kälte werden Gerbstoffe abgebaut, was den Geschmack abmildert. Vorher schmecken die Schlehen-Beeren einfach nur extrem sauer und bitter und hinterlassen ein pelziges Gefühl auf Lippen und Zunge. Nach dem Frost oder dem Einfrieren kommen die typischen süßlich-herben Geschmacksnoten zum Vorschein.

Die kleinen Schlehen-Beeren gelten als Superfood – und zwar schon seit der Steinzeit! So hatte etwa der Wanderer Ötzi welche als Proviant dabei auf seinem beschwerlichen Weg durch die Alpen. Auch bei den Ausgrabungen der Pfahlbauten am Bodensee, die aus Neolithikum und Bronzezeit stammen, wurden Schlehenkerne gefunden, die auf ihren Konsum hindeuten. Tatsächlich sind die kleinen Früchte auch sehr gesund und enthalten Fruchtsäuren, Mineralien und Vitamin C. Auch Hildegard von Bingen empfahl, sie mit Honig gesüßt zu verzehren. Doch auch schon die Blüten sind sehr gesund. Eine alte Weisheit besagt, man solle die ersten drei Blüten einer Schlehe essen, um das ganze Jahr über von Fieber bzw. Grippe verschont zu bleiben.


Sloe Gin – der etwas andere Schlehenlikör

Oft wird Sloe (englisch sloe = Schlehe) Gin oder Sloeberry Gin als Äquivalent des deutschen Begriffs Schlehenlikör gesehen, obwohl das nicht ganz richtig ist. Sloe Gin ist ursprünglich typisch britisch – und natürlich ist es der jeweils verwendete Gin, der mit seinen Geschmacksnuancen und seiner Vielschichtigkeit den Ton angibt. Die fruchtig-herben Noten der Schlehenbeere ergänzen ihn zu einem runden, warmen Gesamteindruck.

 

Schlehen & Gin – die Beere ist wichtigste Zutat

Klein, schwarz-blau und unscheinbar ist die Beere der Schlehe, die dem Sloe Gin seinen unvergleichlichen Geschmack und die ansprechende, kristallrote Farbe schenkt. Erst nach dem ersten Frost sind sie genießbar und werden darum verhältnismäßig spät geerntet. Die Kälte baut die Gerbstoffe ab, die sich in den seit Jahrhunderten als Superfrucht geschätzten Beeren befinden, wodurch sie ihre Bitterkeit verlieren. Zurück bleibt der Geschmack kleiner herber Pflaumen, der nicht von Ungefähr kommt, ist die Schlehe, als wilde Steinfrucht, doch mit der Pflaume verwandt. Die Kälte treibt nicht nur die bitteren Nuancen aus, sondern lässt die süßen ein und zaubert die typischen Noten nach Marzipan und Mandel hervor. Diese ergänzen und bereichern auch die geschmacklichen Facetten eines Sloe Gin. Er enthält übrigens mindestens 25% Vol. Alkohol und ist damit hochprozentiger als andere Schlehen-Liköre, die um die 15% Vol. liegen. Dadurch ist der Schlehen Gin weniger süß im Geschmack.

 

Sloe Gin Herstellung – so kommt er in die Flasche

Für Sloe Gin werden die Früchte des Schlehdorns in Gin angesetzt und mazeriert. Dabei entzieht hinzugefügter Zucker den Steinfrüchten ihren Saft. Je nach Reifegrad der verwendeten Schlehen ergeben sich feine Nuancen von Fruchtsäure- und Waldbeerenaromen. Seine leicht bittersüße Note verdankt der Sloe Gin der Blausäure, die aus den Kernen der Früchte stammt. Weitere geschmackliche Nuancen erhält der Schlehen-Gin-Likör je nach Rezept natürlich aus den Botanicals der verschiedenen Gins oder auch aus zusätzlichen Gewürzen und Fruchtzutaten.

 

Wie trinkt man Sloe Gin?

Traditionell ist der Sloe Gin in Großbritannien als häuslicher Winterlikör beliebt. Oft zu Hause mit eigens gepflückten Schlehenbeeren angesetzt, ähnelt der Schlehen-Gin in seiner ursprünglichen Verbreitung und Verwendung einem hierzulande nach überliefertem Familienrezept zubereiteten Pflaumen-Likör oder Johannisbeer-Likör. Als durch Zimt, Nelken oder andere Gewürzen ergänzter Wärmespender zur Weihnachtszeit oder auch in den sonnigeren Monaten als treuer Begleiter bei Ausflügen in die Natur hat sich Sloe Gin im Vereinten Königreich längst bewährt.

 

Sloe Gin Cocktails

Seit der Wiederentdeckung des Gins als die Bar-Spirituose schlechthin spielt allerdings auch der Sloe Gin seine Rolle als besondere Variante des Klassikers – pur oder in Longdrinks und Sloe Gin Cocktails, denen der Likör (mehr als nur) eine besondere Note gibt. Durch den Geschmack der Schlehen ergänzte Klassiker wie ein Sloe Gin Tonic schmecken ebenso fantastisch, wie die Kombination des kristallroten Schlehenlikörs mit Bitterlemon.

Außerdem zu empfehlen: Den traditionellen Gin-Fizz mit Sloe Gin abwandeln. Die Frische dieses beliebten Longdrinks wird durch den beerigen Geschmack besonders bereichert – mit einer Zitronenscheibe garniert ist der Sloe Gin-Fizz ein garantierter Genuss. [8]

 

Sloe Gin-Fizz

#5 cl Sloe Gin

# 3 cl frischer Zitronensaft

# 2 cl Zuckersirup

# 10 cl Soda

# Eiswürfel

Zubereitung

# Sloe Gin, Zitronensaft und Zuckersirup und ein paar Eiswürfel zusammen in den Shaker geben

# Sehr gut schütteln, da nur so die schaumige Krone des Gin-Fizz entstehen kann.

# In ein Longdrinkglas mit Eiswürfeln abseihen

# Als Garnitur bietet sich eine Zitronenscheibe an


Charlie Chaplin Cocktail Bowle

# 300 ml Sloe Gin zum Beispiel Hayman´s

# 300 ml Prinz Rosen-Marillen Likör

# 250 ml Limettensaft

# Eiswürfel

Zubereitung

# Als Garnitur bieten sich Zitronenscheiben an

Quelle Cocktails: [9]


Schlehen-Orangensaft Cocktail (Foto oben)

# 150 ml Orangensaft

# 30 ml Schlehensirup

# 30 ml Schlehenlikör

# Orangenscheibe

Zubereitung

# Den Orangensaft in ein Glas füllen

# Über einen Löffel den Sirup und den Likör am Rand des Glases einlaufen lassen, sodass der Orangensaft dekorativ unterschichtet wird

# Mit einer Orangenscheibe dekorieren

Quelle: [10]
 

Schlehen Vanille Likör

# 1000 g reife Schlehen

# 900 g Kandiszucker

# 3 Vanilleschoten, längs aufgeschlitzt

# 4 Orangenschalen, dünn geschält

# 20 Gewürznelken

# Kardamom

# Zimt

# 2 Liter Absolut Vodka Vanille

Zubereitung

# Die Schlehen gut waschen, trockentupfen und zusammen mit dem Kandis in ein sauberes Gefäß geben.

# Die Vanilleschoten, Gewürze und die Orangenschalen dazu geben

# Das Glas verschließen, gut schütteln und den Ansatz 8 Wochen an einem hellen, sonnigen Ort ziehen lassen

# Danach den Schlehenlikör durch ein Sieb filtern

# In saubere Flaschen füllen und an einem dunklen und kühlen Ort lagern

Quelle: Eigenes Rezept


Schlehen Sirup

# 1000 g reife Schlehen

# 1 Liter Wasser

# Zucker

Zubereitung

# Die Schlehen gut waschen, trockentupfen und im Wasser weichkochen

# Durch ein feines Tuch pressen

# Die entstehende Flüssigkeit abwiegen und mit der gleichen Menge Zucker erneut aufkochen

# In luftdicht verschließbare Flaschen füllen


Schlehen Creme

# 200 g Schlehen Mus oder Schlehen Sirup

# 200 g Sahne

# Zimt oder Kardamom nach Geschmack

Zubereitung

# Das Schlehen Mus / den Schlehen Sirup mit der gleichen Menge Sahne verrühren und das Ganze 10 Minuten lang stehen lassen

# Für einen winterlichen Touch, kann man die Creme mit Zimt und Kardamom abschmecken

Die dicke Creme eignet sich perfekt zum Füllen von Torten oder sie zu Waffeln und Pfannkuchen zu servieren. Es ist möglich, die fertige Creme einzufrieren. So erhält man ein aromatisches Schleheneis, das ebenfalls gut zu Waffeln passt.

Quelle Sirup und Creme: [11]


Heilpflanze

Die medizinische Wirkung der Schlehe ist adstringierend (zusammenziehend), leicht harntreibend, schwach abführend und entzündungshemmend. Getrocknete Blüten werden als Teeaufguss zur Blutreinigung bei Hautkrankheiten und rheumatischen Beschwerden sowie als Gurgelmittel bei leichten Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut eingesetzt. [12]


Aphrodisiakum, Zaubermittel und Ritualgewächs / Geschichte

An den lateinischen Artnamen erinnert sich, wer je versucht, eine Schlehenhecke zu durchdringen: spinosa = stachelig. Der Name Schlehe ist mit dem altbulgarischen sliva und dem lateinischen lividus = bläulich verwandt. Der Begriff Schlehe würde demnach auf die blauen Früchte hindeuten. Das Synonym Schwarzdorn verweist hingegen auf die schwarze Rinde des älteren Schlehengehölzes.

Schon sehr früh hatte die Schlehe ihre Bedeutung für den Menschen. Bereits in der neolithischen Pfahlbauzeit war sie bekannt. Bei Ausgrabungen dieser Siedlungen wurden die Steinkerne von Schlehenfrüchten gefunden. Araber, Griechen, Römer und die Menschen des Mittelalters nutzten die Blüten und Früchte als Heil- bzw. Nahrungsmittel. Asclepiades (124-60 v. Chr.) und Andromachus (3. Jhd. v. Chr.) zum Beispiel rühmten ein Roob, einen eingedickten Fruchtsaft, aus Schlehenfrüchten als wirksames Mittel gegen Ruhr. Das zähe Holz der anspruchslosen Schlehe wurde gerne für Drechselarbeiten verwendet. Die Rinde lieferte eine transparente, lackartige, licht- und wasserbeständige Tinte, die Früchte roten und die Rinde rotbraunen Farbstoff für Wolle und Leinen.

Auch die alten Germanen wussten um die Schutzwirkung der Schlehe: Zusammen mit Weißdorn bildeten sie die ersten Gartenhecken, die Apfelbäume und Kräuter vor Wildfraß schützten. Aus dem indogermanischen Wort „gher“ = fassen entwickelte sich übrigens „ghortos“, dass wörtlich mit „das Eingefasste, Eingefriedete, das Geschlossene“ zu übersetzen ist, und daraus das Wort Garten. Der Zaun war es also, der dem Garten zu seinem Namen verhalf, der geflochtene Zaun oder die Schutzhecke, die an einer Hauswand entlang ein Stück Land umschloss. Auch zauberabwehrende und weissagerische Kräfte wurden der Schlehe mancherorts zugesprochen. In der Haupttrudennacht (St. Ottilie) legte man früher Schlehdornzweige in die Räucherpfanne, ebenso wurden sie in der Walpurgisnacht zusammen mit Wacholder und Rauten zur Räucherung eingesetzt. Bauern wussten gleich zwei Regeln aus der Schlehenblüte abzulesen:

Ist die Schlehe weiß wie Schnee, ist´s Zeit, dass man die Gerste säe.

Je zeitiger im April die Schlehe blüht, umso früher vor Jakobi die Ernte glüht.

In der Volksmedizin finden sich zum Teil wunderlich wirkende Bräuche: In Tirol wird als Mittel gegen Gelbsucht eine Schlehe an die linke Brust gebunden. In vielen Landstrichen findet sich der Brauch, drei Blütenstängel des Schlehenstrauchs je dreimal hintereinander zu essen: So soll man sich vor Fieber und Gicht schützen können. [13]


Verwendung im Garten

Besonders bekannte Schlehen-Sorten sind ‘Nittel’ und ‘Merzig’. Sie wurden nach ihren Fundorten im Umland von Trier benannt und zeichnen sich durch besonders große Früchte aus. Sie sind außerdem hervorragend zur Destillatherstellung geeignet. Die Sorte ‘Merzig’ wächst aufrecht, trägt nur wenige Dornen und sehr kleine Blätter. Der Strauch wird etwa zwei Meter hoch. ‘Nittel’ wächst wie ‘Merzig’ aufrecht und kompakt mit großen, vereinzelt hängenden Früchten. Sie liefert besonders aromatische Schlehen. Weitere bekannte Sorten sind unter anderem ‘Godenhaus’, ‘Purpurea’, ‘Reto’ und ‘Trier’. [14]

 

[1] de.wikipedia.org/wiki/Schlehdorn

[2] Unter Sukzession (lateinisch succedere „nachrücken“, „nachfolgen“) versteht man die natürliche Rückkehr der für einen Standort typischen Pflanzen-, Tier- und Pilzgesellschaften (Biozönose), die sich nach einer Störung aufgrund der vorherrschenden Umweltfaktoren (vor allem Klima und Bodenart) dort wieder einstellt.

[3] de.wikipedia.org/wiki/Schlehdorn

[4] de.wikipedia.org/wiki/Schlehdorn

[5] de.wikipedia.org/wiki/Schlehdorn

[6] de.wikipedia.org/wiki/Schlehdorn

[7] Was blüht denn da? Kosmos Naturführer, von M. und R. Spohn, 59. Auflage, 2015, Seite 418, ISBN 978-3-440-13965-3

[8] www.myspirits.eu/sloe-gin?limit=all

[9] www.myspirits.eu/sloe-gin?limit=all und ginspiration.de/Gins-and-cocktails/sloe-gin-fizz-cocktail

[10] Zeitschrift LandGang, mein schöner Norden, Nr. 6 Nov-Dez 2020, ab Seite 100, Magazin Media Nord GmbH

[11] Zeitschrift LandGang, mein schöner Norden, Nr. 6 Nov-Dez 2020, ab Seite 100, Magazin Media Nord GmbH

[12] www.drhauschka.de/heilpflanzenlexikon/schlehe

[13] www.drhauschka.de/heilpflanzenlexikon/schlehe

[14] www.mein-schoener-garten.de/pflanzen/kirsche-zierkirsche/schlehe-schwarzdorn

von Alexandra Abredat 1. Mai 2026
Es gibt Küchenfenster und es gibt mein Küchenfenster. Meines ist kein einfaches Fenster. Es ist eine Einladung, die jeden Tag neu erscheint, sich leicht verändert und trotzdem vertraut bleibt wie ein alter Pullover, der bleiben darf, egal wie viele kleine Löcher er inzwischen hat. 
von Alexandra Abredat 1. Mai 2026
Dieses Mal ging es um die Küche. Früher war hier allerdings kein Raum, der diesen Namen verdient hätte. Stattdessen eine Kombination aus ehemaligem Schlafzimmer und einem Bereich mit Ausgussbecken, der sich nie so ganz entscheiden konnte, was er eigentlich sein wollte. Die Farben waren… engagiert. Eine Mischung aus Zeitgeist und Mut zur Eskalation. Die Elektrik ergänzte das Bild hervorragend: vorhanden, aber eher als Konzept. Licht gab es gelegentlich. Steckdosen wirkten wie zufällige Ereignisse. Die Ausgangslage war also hervorragend – wenn man gerne bei null anfängt. Der Plan klang zunächst vernünftig: zwei Räume verbinden, Struktur schaffen, Technik erneuern. Am Ende sollte es aussehen, als wäre es schon immer genau so gedacht gewesen. Ein Klassiker. Funktioniert in der Theorie erstaunlich gut. Dann kam die Praxis.
von Alexandra Abredat 19. April 2026
Die zweite Hälfte beginnt nicht neu, sondern vertieft, was bereits angelegt ist. Routinen sind vorhanden, Abläufe gefestigt, die Handgriffe sitzen. Genau darin entsteht eine andere Form von Spannung. Die Arbeit wird präziser, Abweichungen werden schneller sichtbar und Zusammenhänge treten deutlicher hervor. Der Arbeitsalltag bleibt körperlich fordernd. Beim Heben und Tragen des Pflanzenmaterials, beim Befüllen der Destillen und beim Entleeren der noch heißen Anlage sind Kraft, Ausdauer und Aufmerksamkeit gleichzeitig erforderlich. Meine Schultern, mein Rücken und meine Arme werden dabei dauerhaft beansprucht. Die Abläufe wiederholen sich, die Belastung bleibt konstant. Am Ende eines Tages ist im gesamten Körper spürbar, was diese Arbeit tatsächlich bedeutet. Zugleich verlangt die Destillation in jedem einzelnen Schritt ein hohes Maß an Präzision. Desinfizieren, Befüllen, Erhitzen, Entleeren und Reinigen greifen ineinander. Fehler lassen sich nicht ausgleichen, sondern zeigen sich unmittelbar. Die Phase der Weißtanne ist abgeschlossen. Zehn Destillationen liegen hinter dem Team und mir. Jeder Durchgang folgt einem klar strukturierten Ablauf, bei dem das Pflanzenmaterial vorbereitet, die Anlage befüllt, der Destillationsprozess gesteuert und am Ende ätherisches Öl und Hydrolat voneinander getrennt werden. Anschließend wird die Anlage sorgfältig gereinigt und für den nächsten Prozess vorbereitet. Dieser Übergang stellt keinen Abschluss dar, sondern bildet die Voraussetzung für das, was folgt. Mit Rosmarin setzt sich die Arbeit fort. Sein Duft ist würzig, frisch und von einer leicht kampferartigen Note geprägt. Kampfer gehört zu den Inhaltsstoffen vieler ätherischer Öle und wirkt anregend auf Kreislauf und Aufmerksamkeit. Während der Destillation wird diese Wirkung unmittelbar spürbar. Müdigkeit tritt in den Hintergrund, der Kopf wird wach und die Wahrnehmung gewinnt an Klarheit. Parallel dazu arbeite ich mit Lavendelöl. Dessen Duft ist weich und ausgleichend. In der Kombination entsteht ein ruhiges Gleichgewicht zwischen Klarheit und Stabilität. 
von Alexandra Abredat 15. April 2026
Es beginnt nie mit einem Flakon. Es beginnt mit einer Pflanze. Wenn ich draußen stehe, irgendwo zwischen Rosmarin, Beifuß oder wild wachsendem Thymian, dann ist Parfüm plötzlich nichts Abstraktes mehr. Es ist unmittelbar da. Zerreibt man ein Blatt zwischen den Fingern, steigt ein Duft auf, der frisch ist, herb, manchmal fast scharf und zugleich erstaunlich vielschichtig. Genau hier liegt der Ursprung dessen, was wir heute als Parfüm bezeichnen: in der direkten Begegnung zwischen Mensch und Pflanze. Ein Parfüm ist im Kern ein meist flüssiges Gemisch aus Alkohol und Riechstoffen, geschaffen, um Gerüche zu formen, zu verändern oder bewusst zu überdecken. Der Begriff selbst trägt seine Herkunft bereits in sich. Er leitet sich vom französischen parfum ab, das wiederum auf das italienische perfumare und das spätlateinische per fumum zurückgeht, was so viel bedeutet wie „durch den Rauch“. Diese sprachliche Spur führt direkt zu den Anfängen zurück, in eine Zeit, in der Duft nicht aus Flakons kam, sondern aus Feuer. Bereits vor mehreren Jahrtausenden, etwa um 3000 v. Chr., wurden in Mesopotamien und im alten Ägypten Harze, Hölzer und Kräuter verbrannt. Der aufsteigende Rauch war Träger von Bedeutung. Duft wurde geopfert, gesendet, verstanden als Verbindung zwischen Menschen und einer anderen Ebene. In Ägypten, besonders während des Neuen Reiches zwischen 1550 und 1070 v. Chr., entwickelte sich daraus eine hochkomplexe Duftkultur. Priester stellten Mischungen her, die weit mehr waren als angenehme Gerüche. Sie waren Medizin, Ritual und Ausdruck von Weltverständnis. Kyphi ist eines der bekanntesten Beispiele. Eine aufwendig komponierte Mischung aus Weihrauch, Myrrhe, Styrax, Zimt, Opoponax, Sandelholz, Rosen und weiteren Bestandteilen, oft ergänzt durch Wein, Rosinen oder Öle. Der Aufwand, diese Zutaten zu beschaffen, war erheblich. Handelswege über große Distanzen waren notwendig, um diese Rohstoffe zusammenzuführen. Duft war kostbar, selten und bedeutungsvoll. Mit der Zeit veränderte sich die Rolle des Duftes. Was zunächst den Göttern vorbehalten war, wurde zunehmend auf den lebenden Körper übertragen. Inschriften aus der Zeit der Pharaonin Hatschepsut, die zwischen 1490 und 1469 v. Chr. regierte, zeigen, wie eng Duft mit Reinheit, Schönheit und spiritueller Ordnung verknüpft war. Wohlgeruch wurde als Ausdruck von Lebendigkeit verstanden. Parallel entwickelte sich in Indien seit der vedischen Zeit, etwa ab 1500 v. Chr., eine Duftkultur, die stark auf körperliche Erfahrung ausgerichtet war. Pflanzen wurden nicht nur verräuchert, sondern direkt auf die Haut aufgetragen. Duft war Teil von Pflege, Medizin und sozialem Ausdruck. Texte wie das Kamasutra beschreiben sehr konkret den Umgang mit aromatischen Substanzen. Duftende Öle, parfümierte Salben und mit Blüten versehene Kleidung gehörten zum kultivierten Leben. Die technische Grundlage all dieser Anwendungen lag zunächst in einfachen Verfahren wie der Mazeration. Pflanzenteile wurden in Öle oder Fette eingelegt, um ihre Duftstoffe zu übertragen. Diese Methode ist bis heute Teil der Kräuterarbeit. Sie erfordert Geduld, Aufmerksamkeit und ein Verständnis dafür, dass Zeit ein wesentlicher Faktor ist. Einen entscheidenden Fortschritt brachte die Destillation. In der arabischen Welt wurde sie zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert systematisch weiterentwickelt. Avicenna beschrieb um das Jahr 1000 Verfahren, mit denen sich ätherische Öle, insbesondere aus Rosen, gewinnen ließen. Damit wurde es möglich, Duft in konzentrierter und reproduzierbarer Form zu isolieren. Rosenwasser und Rosenöl wurden zu zentralen Bestandteilen der Duftkultur. Im europäischen Mittelalter, insbesondere zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert, wurde Duft zunehmend medizinisch interpretiert. Die Vorstellung, dass Krankheiten durch schlechte Luft entstehen, führte dazu, dass aromatische Pflanzen gezielt eingesetzt wurden, um diese Luft zu „reinigen“. Lavendel, Rosmarin, Salbei und Thymian wurden getragen, verräuchert oder als Essenzen genutzt. Wohlgeruch galt als Zeichen von Gesundheit. In genau diesem Kontext entsteht eines der ersten alkoholbasierten Parfums Europas: das Ungarische Wasser, auch bekannt als Hungary Water oder Aqua Reginae Hungariae. Seine Ursprünge werden meist in das späte 14. Jahrhundert datiert, häufig um das Jahr 1370. Die genaue Entstehung bleibt unklar. Überliefert ist eine Legende, die es mit Elisabeth von Ungarn verbindet. Erzählungen berichten von einer alternden Königin, die durch ein von einem Einsiedler oder Alchemisten hergestelltes Elixier Linderung fand und zugleich eine bemerkenswerte Vitalität zurückgewann. Die Rezepturen dieses Wassers sind erstaunlich klar strukturiert. Im Zentrum steht Rosmarin, meist frisch destilliert, kombiniert mit Thymian und Alkohol, häufig in Form von gebranntem Wein. Spätere Varianten erweitern diese Basis um Lavendel, Minze, Salbei, Majoran, Orangenblüten und Zitrusschalen. Diese Zusammensetzung wirkt aus heutiger Sicht fast modern, mit einer klaren Gliederung aus frischen, krautigen und leicht floralen Komponenten. Das Ungarische Wasser wurde nicht nur äußerlich angewendet, sondern auch in kleinen Mengen eingenommen. Es galt im 17. Jahrhundert als eine Art universelles Heilmittel. Anwendungen reichten von Kopfschmerzen über Zahnschmerzen bis hin zu Ohrgeräuschen und allgemeinen Schwächezuständen. Diese breite Nutzung zeigt deutlich, dass Duft und Medizin zu dieser Zeit nicht getrennt waren. Ein Duft war immer auch eine Wirkung. Seine Verbreitung in Europa war erheblich. Über Jahrhunderte hinweg gehörte es zu den bekanntesten Duft- und Heilwässern, bis im 18. Jahrhundert das Eau de Cologne zunehmend an Bedeutung gewann. Besonders geschätzt wurden Varianten aus Montpellier, bei denen die Qualität des verwendeten Rosmarins entscheidend war. Zeitgenössische Quellen berichten sogar von Fälschungen, was den hohen Stellenwert dieses Produktes deutlich macht. Aus meiner praktischen Arbeit mit ätherischen Ölen ist dieser Zusammenhang unmittelbar nachvollziehbar. Rosmarin ist eine Pflanze mit klarer, durchdringender Präsenz. Er wirkt anregend, fördert die Durchblutung und bringt Struktur in eine Mischung. Seine antioxidativen Eigenschaften können sich positiv auf die Haut auswirken, was einen Teil des historischen „Schönheitsversprechens“ erklärbar macht. Mit der Renaissance, etwa ab dem 15. und 16. Jahrhundert, verändert sich die Rolle des Parfüms erneut grundlegend. Duft wird zunehmend zu einem Ausdruck von Kultur, Status und persönlicher Inszenierung. Der Handel erweitert die Verfügbarkeit von Rohstoffen erheblich. Gewürze, Harze, Hölzer und Blüten aus verschiedenen Regionen werden kombiniert und neu interpretiert. Städte wie Grasse entwickeln sich zu Zentren der Parfümherstellung. Ein wichtiger Impuls geht auch von Katharina von Medici aus, die im 16. Jahrhundert Duftkultur aus Italien nach Frankreich bringt. Mit ihr gelangen nicht nur Rezepturen, sondern auch spezialisierte Alchemisten und Parfümeure an den französischen Hof. Die Kompositionen dieser Zeit sind oft schwer und intensiv. Tierische Duftstoffe wie Moschus, Ambra oder Zibet werden eingesetzt, um Tiefe und Haltbarkeit zu erzeugen. Diese Stoffe unterscheiden sich deutlich von pflanzlichen Komponenten, da sie weniger flüchtig sind und länger auf der Haut verbleiben. Mit dem 19. Jahrhundert beginnt eine neue Phase. Die organische Chemie ermöglicht es, Duftstoffe gezielt zu synthetisieren. Moleküle wie Vanillin oder Cumarin können isoliert und nachgebildet werden. Parfüm wird dadurch stabiler, günstiger und reproduzierbarer. Gleichzeitig entsteht eine gewisse Distanz zur Pflanze, da der Duft nicht mehr zwingend aus ihr gewonnen werden muss. Moderne Parfüms bestehen heute überwiegend aus Ethanol, Wasser und einer Mischung aus natürlichen und synthetischen Riechstoffen. Diese werden durch verschiedene Verfahren gewonnen, darunter Destillation, Extraktion oder Enfleurage. Die Struktur eines Duftes wird häufig über die sogenannte Duftpyramide beschrieben. Zunächst zeigt sich die Kopfnote, geprägt von flüchtigen Bestandteilen. Darauf folgt die Herznote, die den eigentlichen Charakter bestimmt. Abschließend entfaltet sich die Basisnote mit langanhaltenden Komponenten wie Harzen oder Hölzern. Diese Struktur entspricht in vieler Hinsicht den Eigenschaften pflanzlicher Rohstoffe. Zitrusöle verfliegen schnell, Kräuter halten länger, während Harze und Hölzer besonders persistent sind. Die Parfümerie nutzt hier ein Prinzip, das in der Natur bereits angelegt ist. Auch die Verwendung von Düften hat sich erweitert. Parfüm dient nicht nur der persönlichen Anwendung, sondern findet sich in Räumen, Produkten und sogar Lebensmitteln wieder. In der sogenannten funktionalen Parfümerie werden Duftstoffe eingesetzt, um Produkte angenehmer wirken zu lassen. Gleichzeitig bleibt die individuelle Wirkung zentral, da sich ein Duft auf jeder Haut anders entfaltet. Die Kulturgeschichte des Parfüms zeigt trotz aller Veränderungen eine bemerkenswerte Kontinuität. Es geht immer um Wahrnehmung, Wirkung und Erinnerung. Duft spricht Bereiche des Gehirns an, die eng mit Emotionen verbunden sind. Seine Wirkung ist unmittelbar und oft schwer in Worte zu fassen. In der Arbeit mit historischen Parfums geht es daher nicht darum, Rezepte exakt zu kopieren. Entscheidend ist das Verständnis der Prinzipien dahinter. Warum bestimmte Pflanzen kombiniert wurden, welche Wirkung angestrebt war und wie Duft in einen kulturellen Kontext eingebettet war. Am Ende bleibt eine einfache, fast unspektakuläre Erkenntnis. Parfüm ist keine isolierte Erfindung. Es ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die tief in der Pflanzenwelt verwurzelt ist. Der Ausgangspunkt hat sich dabei nie verändert. Er liegt nicht im Flakon, sondern in der Pflanze. Wichtige Fachbegriffe und Namen – kompakt erklärt Mazeration Auszug von Pflanzenstoffen durch Einlegen in Öl oder Alkohol über längere Zeit. Destillation Verfahren zur Gewinnung flüchtiger Inhaltsstoffe durch Verdampfung und Kondensation. Hydrolat Nebenprodukt der Destillation; enthält wasserlösliche Duft- und Pflanzenstoffe. Enfleurage Historische Methode zur Duftgewinnung über Fettbindung, besonders für empfindliche Blüten. Extraktion Gewinnung von Duftstoffen mithilfe von Lösungsmitteln (z. B. für Absolues). Expression (Kaltpressung) Mechanisches Auspressen von Duftstoffen, typisch für Zitrusschalen. Absolue Hochkonzentrierter pflanzlicher Duftstoff aus Extraktion, sehr intensiv und komplex. Resinoid Harzartiger Duftstoff aus pflanzlichen Rohstoffen, meist warm und balsamisch. Duftpyramide Strukturmodell eines Duftverlaufs: Kopf-, Herz- und Basisnote. Kopfnote Leichtflüchtige Duftphase, die unmittelbar nach dem Auftragen wahrnehmbar ist. Herznote Mittlere Duftphase, prägt den eigentlichen Charakter eines Parfüms. Basisnote Lang anhaltende, schwere Duftbestandteile, die Tiefe und Stabilität geben. Fixateur Stoffe (oft Harze oder schwere Duftnoten), die die Haltbarkeit eines Parfüms verlängern. Kyphi Altägyptische Duftmischung aus Harzen, Gewürzen und Blüten mit ritueller und medizinischer Bedeutung. Avicenna Gelehrter (ca. 980–1037), der die Wasserdampfdestillation von Rosen maßgeblich entwickelte. Hildegard von Bingen Benediktinerin (1098–1179), die Heilpflanzen systematisch beschrieb und Duft als Teil von Gesundheit verstand. Elisabeth von Ungarn Mit dem Ungarischen Wasser verbundene Königin; Symbolfigur für die Verbindung von Duft und Heilwirkung. Ungarisches Wasser (Aqua Reginae Hungariae) Frühes alkoholbasiertes Parfüm (spätes 14. Jahrhundert) auf Rosmarinbasis mit medizinischer und kosmetischer Nutzung. Katharina von Medici Brachte im 16. Jahrhundert italienisches Duftwissen nach Frankreich und prägte die höfische Parfümkultur. Eau de Cologne (EdC) Leichtes Duftwasser (ca. 3–5 % Duftstoffanteil), seit dem 18. Jahrhundert verbreitet. Eau de Toilette (EdT) Mittlere Duftkonzentration (ca. 6–9 %), für den täglichen Gebrauch. Eau de Parfum (EdP) Höher konzentrierter Duft (ca. 10–14 %), intensiver und länger haltbar. Extrait de Parfum Sehr hohe Duftstoffkonzentration (bis 30 % und mehr), besonders intensiv. Fougère Duftfamilie mit lavendelbetonter Frische, kombiniert mit moosigen und holzigen Noten. Chypre Duftstruktur aus Zitrus, Labdanum und Eichenmoos; komplex und kontrastreich. Gourmand-Noten Duftnoten, die an Lebensmittel erinnern, z. B. Vanille, Karamell oder Schokolade. Ambra (Ambergris) Seltene, ursprünglich tierische Duftsubstanz mit warmem, tiefem Charakter. Zibet Tierischer Duftstoff mit intensiver, animalischer Note; heute überwiegend ersetzt. Aldehyde Synthetische Duftstoffe, die Parfüms eine strahlende, oft „luftige“ Qualität verleihen. Ernest Beaux Parfümeur von Chanel No. 5, der Aldehyde prägend in die Parfümerie einführte. Terpene Wichtige Bestandteile ätherischer Öle, verantwortlich für viele pflanzliche Duftprofile. INCI (International Nomenclature of Cosmetic Ingredients) EU-weites System zur einheitlichen Deklaration von Inhaltsstoffen in Kosmetika. Quellen: Geschichte des Parfums ❤️ Von der Antike bis heute | DOUGLAS Geschichte des Parfums | Beauty.at Die Geschichte der Parfümerie | Musées de Grasse Die Geschichte des Parfüms: Von der Antike bis zu TikTok DIE SAMMLUNG DES PARFÜMEURS - Fragonard Parfumeur Die Entstehung von Parfüm Die faszinierende Geschichte des Parfums: Eine Reise durch die Welt der Düfte - Kosmetik transparent Zur Geschichte der Parfümerie: Historischer Start der Parfümerie im Abendland - haut.de Zur Geschichte der Parfümerie: Der frühe Handel mit Riechstoffen - haut.de melanie_parfum.pdf Parfüm – Wikipedia Ungarns Wasser – Wikipedia Book of Perfumes - Deutsches Museum Das Geheimnis der Königin von Ungarn und ihr Schönheitswasser - Mit Liebe gemacht by Doris Kern - Kräuter & Hausmittel www.mitliebegemacht.at/ungarn-wasser/
von Alexandra Abredat 14. April 2026
Nach der Weißtanne stand Rosmarin auf meinem Destillationsplan. Schon allein die Pflanze trägt das Versprechen von Licht, Klarheit und einer Landschaft in sich, die mehr nach Duft als nach Ort wirkt. Es klingt nach Süden, nach trockener Wärme, nach einem Zweig zwischen den Fingern, der sofort seinen Duft freigibt. In der Woche nach Ostern war ich krank und mehr im Bett als draußen. Meine Energie war gering, und meine Bewegung beschränkte sich meist auf das Notwendige im Zimmer. Alles ging langsamer, jeder Schritt war mühsam. Zurück auf der Arbeit an der Destille wurde deutlich, wie fordernd diese Tätigkeit ist. Desinfizieren, befüllen, erhitzen, leeren – heiß natürlich –, reinigen und wieder von vorn. Eine Destille verlangt Aufmerksamkeit, saubere Abläufe und ein genaues Arbeiten. Zu zweit dauert es mehrere Stunden, bis alles durchgelaufen ist, und gerade nach der Krankheit ist das körperlich deutlich spürbar. In diesem Ablauf beginnt sich der Raum zu verändern. Erst kaum merklich, dann immer deutlicher. Der Duft baut sich auf, legt sich in die Luft, bleibt stehen. Rosmarin ist dabei nichts Zurückhaltendes. Er ist klar, würzig, fast kühl, mit dieser markanten Frische, die an Kampfer erinnert. Ein Duft, der nicht schmeichelt, sondern aufrichtet. Einer, der sofort wach macht. Während der Rosmarin destillierte, habe ich ätherisches Lavendelöl abgefüllt. Die Kombination war intensiv und roch nach mediterraner Landschaft. Rosmarin klar und wach, Lavendel weich und tragend. Zwei Düfte, die sich nicht überdecken, sondern sich halten. Den Termin für einen abendlichen Onlinekurs hatte ich mir Wochen zuvor gesetzt. Yoga in Verbindung mit ätherischen Düften. An diesem Tag war die Entscheidung nicht selbstverständlich. Müdigkeit, ein voller Kopf und der Wunsch, einfach nichts mehr zu müssen, standen deutlich im Raum. Ich habe mich trotzdem dafür entschieden. Während der Meditation war Rosmarin wieder da, diesmal als Cineol-Typ. Die Reise durch den Körper wurde von diesem klaren, fast kühlen Duft begleitet. Welch ein Erlebnis. Danach fühlte ich mich frisch und in einer ruhigen, positiven Stimmung. Mit dem Duft bin ich später am Abend auch eingeschlafen. Gerade nach diesen Tagen zwischen Müdigkeit, Anstrengung und wenig Kraft war das mehr als nur angenehm. Es hat sich stimmig angefühlt, als würde sich etwas ordnen, das vorher durcheinander war. Diese klare, fast kühle Wirkung ist typisch für den Cineol-Typ. Die Pflanze bildet je nach Standort unterschiedliche Chemotypen aus, und genau diese Unterschiede sind spürbar. Der Cineol-Typ wirkt vor allem im Kopf, ordnend und klärend. Der Campher-Typ hingegen wirkt deutlich körperlicher, wärmer und durchblutungsfördernd, besonders im Bereich von Muskeln und Gelenken. Es ist dieselbe Pflanze, aber mit unterschiedlicher Ausrichtung. Rosmarin ist seit jeher mehr als nur ein Küchenkraut. In der Antike war er der Liebesgöttin Aphrodite geweiht und galt als Zeichen für Treue und Schutz. Diese Bedeutung hat sich gehalten, bis heute wird Rosmarin in Brautsträuße gebunden. Sein intensiver Duft machte ihn früh zu einer Pflanze für Rituale und Räucherungen, später auch für die Pflege von Kranken. In Zeiten der Pest wurde Rosmarin zur Reinigung der Luft eingesetzt – ein Gedanke, der gar nicht so fern liegt, wenn man selbst erkältet im Bett liegt und sich nach genau dieser Klarheit sehnt. Auch in der Kulturgeschichte bleibt er präsent. Als Bestandteil der „Kräuter der Provence“ ist er aus der mediterranen Küche nicht wegzudenken, zugleich war er eine wichtige Zutat im sogenannten „Ungarischen Wasser“, einem der ältesten bekannten Parfüme Europas. Nach diesem Tag bleibt vor allem eines: Rosmarin wirkt nicht spektakulär, sondern präzise. Gerade nach der Krankheit, nach der Müdigkeit und der körperlichen Anstrengung zeigt sich diese Klarheit deutlich. Der Kopf wird ruhig, der Körper kommt nach, und beides findet wieder zusammen. Mehr braucht es manchmal nicht. PS: Das Geheimnis der Königin von Ungarn und ihr Schönheitswasser erzähle ich ein anderes Mal. Quellen: Rosmarin – Wikipedia Rosmarin Campher Bio - Ätherisches Öl für Klarheit | PRIMAVERA Bio-Ätherisches Rosmarin Cineol Öl - Belebend & Klärend | PRIMAVERA Rosmarin | PRIMAVERA Pflanzenglossar
von Alexandra Abredat 11. April 2026
Zwischen Dampf und Duft – über Hydrolate, ätherische Öle und die stille Präzision der Destillation: Wissen über Pflanzen entsteht nicht zufällig. Es wächst über Jahre, wird gesammelt, geprüft, angewendet und weitergegeben. Als Kräuterpädagogin habe ich genau diesen Weg hinter mir: Wildkräuter in der Küche, in der Naturkosmetik, in Workshops, in der Praxis. Inhaltsstoffe, Wirkweisen und Anwendungen sind vertraut. Dieses Wissen ist tragfähig. Es ist präzise, nachvollziehbar und verlässlich. Was im Rahmen meines Erasmus-Aufenthalts in Österreich geschieht, führt darüber hinaus. Hier verlässt dieses Wissen die sichere Ordnung der Theorie und wird im Prozess überprüfbar. Nicht im Sinne eines groben Funktionierens, sondern in der wesentlich anspruchsvolleren Frage: Trägt es unter realen Bedingungen? Die Destillation erweist sich dabei als bemerkenswert ehrlicher Maßstab. Denn sie lässt sich nicht überreden. Eine Destille reagiert nicht auf gute Absichten, sondern auf Temperatur, Material und Timing. Sie übersetzt das, was man tut, unmittelbar in ein Ergebnis. Sehr direkt. Sehr zuverlässig. Man könnte sagen: angenehm unbestechlich. Auf dem Papier ist ihr Prinzip schnell erklärt: Ein Gemisch wird erhitzt, flüchtige Bestandteile verdampfen, kondensieren und werden als Destillat aufgefangen. Ein thermisches Trennverfahren, sauber definiert. In der Praxis beginnt es genau dort interessant zu werden, wo diese Erklärung zu kurz greift.
von Alexandra Abredat 8. April 2026
Passau liegt auf dem Weg. Für meinen Erasmus-Aufenthalt im März und April 2026 in Österreich führt kein sinnvoller Weg daran vorbei. Die Autobahn endet, und mit ihr das gleichmäßige Vorankommen. Es wird enger, langsamer, dichter. Straßen winden sich, Häuser rücken näher zusammen, und plötzlich ist Wasser da – nicht als Blickfang, sondern als klare Ansage: Hier ist Schluss mit Ausweichen. Donau, Inn und Ilz treffen aufeinander und regeln ziemlich eindeutig, wie viel Platz bleibt. Die Fahrt geht mitten hindurch. Altstadt, dann Innstadt. Spätestens dort ist klar, dass Geschwindigkeit keine Rolle mehr spielt. Die Straßen sind schmal, die Abstände knapp, und mein Fiat Panda wirkt plötzlich wie eine strategisch hervorragende Lebensentscheidung. Anhalten kommt nicht in Frage. Dafür bin ich zu gespannt auf den Ort, an dem ich die nächsten Wochen verbringen werde.
von Alexandra Abredat 6. April 2026
Ostermontag ist wie ein Sonntag, der so tut, als wäre nichts Besonderes – und genau darin ist er erstaunlich gut. Man steht auf, der Tag wirkt harmlos, fast beiläufig. Kein großes Programm, kein gesellschaftlicher Druck. Und gerade deshalb passiert etwas, das an lauteren Tagen oft untergeht: Gedanken bekommen Raum. Ostermontag gehört liturgisch zu den höchsten Festtagen der Osteroktav, kein Nachklang, sondern ein zweiter Blick auf das, was vorher kaum zu fassen war. Im Evangelium gehen zwei Jünger nach Emmaus. Nicht zielstrebig, nicht hoffnungsvoll. Eher weg von dem, was sie nicht verstehen. Ein Fremder schließt sich ihnen an, hört zu, stellt Fragen, erklärt. Sie erkennen ihn nicht. Erst beim Brotbrechen begreifen sie, wen sie die ganze Zeit begleitet hat. Und in genau diesem Moment ist er verschwunden. Erkenntnis hat selten einen dramatischen Auftritt. Sie kommt leise und oft erst dann, wenn man nicht mehr damit rechnet. Vielleicht ist genau deshalb der Emmausgang geblieben. Kein Pflichttermin, sondern ein Weg, auf dem sich Gedanken sortieren dürfen. Mein eigener Weg begann zwei Tage vorher – zwischen Holzoberflächen, die so präzise gearbeitet sind, dass man unwillkürlich langsamer wird, und Räumen, die zeigen, wie durchdacht Wohnen sein kann. Der Besuch bei TEAM 7 in Ried war beeindruckend. Möbel, die nicht nur gut aussehen, sondern aus einem klaren Anspruch heraus entstehen: nachhaltige Materialien, ehrliches Handwerk, technische Lösungen, die nicht protzen, sondern funktionieren. Auch das Gebäude folgt dieser Haltung. Reduziert auf das Wesentliche, ressourcenschonend gedacht, ohne überflüssige Technik. Kein Showeffekt, sondern Konsequenz. Man spürt dort sehr deutlich, dass hochwertiges Design und echte Nachhaltigkeit sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig tragen. Und ja, diese Möbel sind ihren Preis wert. Nur ist dieser Preis für mich nicht erreichbar. Der Gedanke kam nüchtern. Kein Neid, kein Ärger, eher ein inneres Abhaken: beeindruckend, absolut stimmig – und außerhalb meiner Reichweite. Und dann stand sie plötzlich im Raum, diese leise, unangenehme Frage: Habe ich in meinem Leben etwas falsch gemacht, oder vergleiche ich einfach nur falsch? 
von Alexandra Abredat 4. April 2026
Es beginnt nicht mit Glocken. Nicht mit Schokolade. Nicht einmal mit dem Osterhasen, der sich seit Jahren erfolgreich jeder ernsthaften Befragung entzieht. Es beginnt viel früher. Irgendwo zwischen einem zaghaften Sonnenstrahl und dem ersten Vogel, der morgens plötzlich wieder klingt, als hätte er einen Plan. Ostern liegt genau in diesem Moment. Offiziell ist es das höchste Fest des Christentums. Gefeiert wird die Auferstehung Jesu Christi am dritten Tag nach seinem Tod am Kreuz. Ein Thema, das zunächst nach schwerem Stoff klingt und dann doch erstaunlich nah wird. Im Kern geht es um etwas sehr Menschliches: Dass nach dunklen Zeiten wieder etwas aufbrechen kann. Dass Entwicklung möglich ist, auch wenn sie sich zwischendurch überhaupt nicht so anfühlt. Der Termin dieses Festes wirkt dabei fast wie ein poetischer Kompromiss zwischen Himmel und Erde. Ostern findet am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond statt. Frühestens am 22. März, spätestens am 25. April. Kein starres Datum, sondern ein beweglicher Moment. Als würde man sagen: Dieses Fest braucht die richtige Stimmung, nicht nur den richtigen Tag. Mit der Nacht zum Ostersonntag beginnt die österliche Freudenzeit, die sich bis Pfingsten zieht. Freude wird hier nicht als kurzer Höhepunkt verstanden, sondern als etwas, das sich entfalten darf. Auch das wirkt erstaunlich lebensnah. In der Osternacht wird es zunächst dunkel. Bewusst. Dann wird ein Feuer entzündet. Kein symbolisches Flämmchen, sondern ein echtes, lebendiges Feuer. Daran wird die Osterkerze entzündet, und dieses Licht wird weitergegeben. Von Mensch zu Mensch. Ohne große Worte. Es funktioniert trotzdem. Parallel dazu läuft die zweite, sehr erfolgreiche Version von Ostern. Eier werden versteckt. Kinder suchen. Erwachsene tun so, als ginge sie das nichts an, und freuen sich dann doch über das letzte Stück Schokolade. Der Osterhase bleibt dabei ein Phänomen, das man besser nicht zu genau hinterfragt. Das Ei selbst ist allerdings alles andere als Zufall. Es ist eines der ältesten Symbole überhaupt. Geschlossen, unscheinbar, und gleichzeitig voller Leben. Wenn man lange genug darüber nachdenkt, wird es fast ein bisschen philosophisch. Wenn man hungrig ist, bleibt es einfach ein Ei. Was oft übersehen wird: Ostern steht nicht für sich allein. Es ist eng mit einem anderen, viel älteren Fest verbunden – dem Pessachfest im Judentum, auch Passa, Passach, Passah oder Pascha genannt. Dieses Fest erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. An die Befreiung aus der Sklaverei. An den Moment, in dem aus Abhängigkeit plötzlich Freiheit wird. Pessach wird im Frühling gefeiert, im Monat Nisan, und dauert mehrere Tage. Es beginnt mit dem Sederabend, einem bewusst gestalteten Familienfest. Dort wird die Geschichte des Auszugs erzählt, gegessen, gefragt und erklärt. Besonders schön ist, dass die jüngste Person am Tisch Fragen stellt. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil Fragen ausdrücklich dazugehören. Diese Erzählung wird nicht nur erinnert, sondern immer wieder neu erlebt. Jeder soll sich fühlen, als wäre er selbst Teil dieser Geschichte gewesen. Nicht Zuschauer, sondern Beteiligter. Das ist keine kleine Idee. Das ist Identität. Auch die Speisen tragen Bedeutung. Ungesäuertes Brot, sogenannte Matzen, erinnert daran, dass beim Aufbruch keine Zeit blieb, Teig gehen zu lassen. Bitterkräuter stehen für die Härte der Sklaverei. Nichts daran ist zufällig. Alles erzählt. Und genau hier berühren sich Pessach und Ostern. Denn die Ereignisse rund um Jesus fanden während einer Pessachwoche statt. Das letzte Abendmahl wird in den Evangelien als Pessachmahl beschrieben. Die Vorstellung vom „Lamm Gottes“ greift das Pessachlamm auf, das ursprünglich als Zeichen des Schutzes und der Rettung galt. Selbst zentrale Elemente der christlichen Tradition – gemeinsames Mahl, Segensbecher, Deutung von Speisen – haben ihre Wurzeln im jüdischen Seder. Man könnte sagen: Ohne Pessach kein Ostern. Beide Feste erzählen auf ihre Weise von Befreiung. Im Judentum ganz konkret aus der Sklaverei in Ägypten, im Christentum in einer übertragenen, spirituellen Form als Hoffnung auf neues Leben. Unterschiedliche Perspektiven, aber eine gemeinsame Grundbewegung. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieses Festes. Es verbindet Zeiten, Geschichten und Erfahrungen miteinander. Es erinnert daran, dass Aufbruch selten laut beginnt und dass Hoffnung oft leise wächst. Manchmal genügt es, diesen Moment wahrzunehmen. Der Rest geschieht ohnehin. Quellen: Ostern – Wikipedia Pessach – Wikipedia
von Alexandra Abredat 4. April 2026
Fast jeder hat schon einmal selbstbewusst auf eine Tanne gezeigt – und dabei ziemlich sicher eine Fichte gemeint. Ein Klassiker. Passiert häufiger, als man zugeben möchte. Die echte Weißtanne, Abies alba, bleibt dabei meist im Hintergrund. Völlig zu Unrecht. Sie gehört zu den eindrucksvollsten und zugleich sensibelsten Baumarten Europas – nur eben nicht zu denen, die sich aufdrängen. Ihre Stärke liegt im Leisen. Sie zeigt sich Schicht für Schicht, und nur denjenigen, die bereit sind, ein zweites Mal hinzusehen. Die Weißtanne gehört zur Gattung der Tannen innerhalb der Familie der Kieferngewächse (Pinaceae). Ihr Name verweist auf eines ihrer markantesten Merkmale: die helle, oft silbrig-graue Borke. Diese bleibt bei jungen Bäumen lange glatt und wirkt beinahe weich, bevor sie im Alter aufreißt und eine schuppige Struktur entwickelt. In der Rinde finden sich kleine Harzblasen, die nicht nur botanisch interessant sind, sondern auch eine lange Geschichte in der Volksmedizin tragen. Ein unmittelbares Erkennungsmerkmal zeigt sich in den Nadeln. Sie sind flach, weich und stumpf. Eine Berührung ist möglich, ohne Zurückweichen. Die Unterseite trägt zwei deutlich sichtbare, helle Streifen. Diese entstehen durch Reihen von Spaltöffnungen und verleihen der Nadel einen silbrigen Schimmer. Die Nadeln sitzen scheinbar direkt am Zweig, fast so, als wären sie angesetzt oder angesaugt. Dieses Detail wirkt unscheinbar, prägt jedoch den gesamten Charakter des Baumes. Die Weißtanne ist eine ausgesprochene Schattenbaumart. Ihre Keimlinge und Jungpflanzen können über viele Jahre im Halbdunkel des Waldes bestehen. In dieser Phase wächst sie langsam, beinahe zurückhaltend, während sie gleichzeitig ihre innere Struktur festigt. Sobald sich eine Lichtlücke öffnet, reagiert sie mit bemerkenswerter Dynamik. Wachstum entsteht dann nicht hastig, sondern kraftvoll und ausdauernd. Unter günstigen Bedingungen erreicht die Weißtanne Höhen von 30 bis 50 Metern, in Ausnahmefällen sogar darüber hinaus. Ihr Lebensalter kann mehrere Jahrhunderte umfassen. Während dieser langen Zeit verändert sich ihre Gestalt. Junge Bäume zeigen eine klassische, spitze Krone. Mit zunehmendem Alter verliert der Gipfeltrieb an Dominanz, während die Seitenäste weiterwachsen. Es entsteht die sogenannte Storchennestkrone, ein Bild von Reife und Anpassung. Von besonderer Bedeutung ist ihr Wurzelsystem. Die Weißtanne entwickelt eine ausgeprägte Pfahlwurzel, die tief in den Boden reicht. Ergänzt wird sie durch weitreichende Seitenwurzeln, die den Boden zusätzlich erschließen. Diese Kombination verleiht ihr eine außergewöhnliche Standfestigkeit. Gleichzeitig trägt sie zur Stabilisierung des Bodens und zur Verbesserung des Wasserhaushalts im Wald bei. Ihre Wurzeln verbinden sich häufig mit denen benachbarter Bäume und bilden ein unterirdisches Netzwerk, das Austausch und Unterstützung ermöglicht. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich über große Teile Europas, vor allem entlang der Gebirgsräume von den Pyrenäen bis zum Balkan. In Österreich findet man sie vor allem in den Alpen sowie in den höheren Lagen des Wald- und Mühlviertels. Sie bevorzugt luftfeuchte Standorte mit ausreichender Wasserversorgung, zeigt jedoch eine gewisse Toleranz gegenüber unterschiedlichen Böden. Eine konstante Wasserversorgung ist für ihr Wachstum wichtiger als hohe Nährstoffverfügbarkeit. Die Weißtanne ist eng in das ökologische Gefüge des Waldes eingebunden. Sie lebt in enger Verbindung mit Pilzen, mit denen sie sogenannte Mykorrhiza-Partnerschaften eingeht. Diese Symbiosen ermöglichen einen verbesserten Austausch von Nährstoffen und Wasser. Gleichzeitig bietet sie Lebensraum für zahlreiche Tierarten, von Insekten bis zu Vögeln. Trotz dieser Bedeutung ist ihr Bestand in den letzten Jahrhunderten deutlich zurückgegangen. Forstwirtschaftliche Entscheidungen, insbesondere die Bevorzugung der Fichte, haben dazu geführt, dass die Weißtanne vielerorts verdrängt wurde. Kahlschläge, Übernutzung und eine veränderte Waldstruktur erschwerten ihre natürliche Verjüngung. Hinzu kommt ein starker Verbiss durch Wildtiere, der junge Pflanzen besonders betrifft. Auch Umweltbelastungen haben ihre Spuren hinterlassen. Die Weißtanne reagiert empfindlich auf Luftschadstoffe, insbesondere auf Schwefeldioxid. In Zeiten hoher Emissionen kam es zu erheblichen Schäden in den Beständen. Erst mit der Verbesserung der Luftqualität konnte sich die Situation teilweise stabilisieren.
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