Die wunderliche Welt des Grüns – vom giftigen Glamour bis zur Farbe des Lebens

Alexandra Abredat

Es war einmal ein Österreicher namens Ignaz Edler von Mitis (1771-1842), der im Jahr 1805 beim Herumexperimentieren mit Grünspan auf etwas stieß, das zugleich strahlend und gefährlich war. Ein Pigment, das in seiner Farbe so leuchtend erschien wie ein frisch geschlüpftes Küken und in seiner chemischen Wirkung so heimtückisch wie ein Drache, der nachts durch ein Kinderzimmer schleicht. Man nannte es zunächst Mitisgrün. Doch wie es im Märchen so ist, musste diese Entdeckung erst den richtigen Ort finden, um ihr volles Potenzial zu entfalten. Dieser Ort war Schweinfurt, und Wilhelm Sattler, der um 1808 die industrielle Produktion des Pigments begann, brachte Mitisgrün zum Glänzen. Schweinfurter Grün, wie es später bekannt werden sollte, war geboren.

Dieses Grün war mehr als nur ein dekoratives Element. Es leuchtete, glänzte und hatte die Fähigkeit, Tapeten, Stoffe und Künstlerpaletten zum Strahlen zu bringen. Ballkleider glitzerten smaragdgrün im Kerzenschein, französische Impressionisten tauchten Himmel und Bäume in ein Funkeln, das die Welt in ein magisches Licht tauchte. Doch hinter dieser Schönheit lauerte eine Gefahr. Bereits 1844 wies der Arzt Carl von Basedow nach, dass ein kleiner Pilz, der sich auf leimgebundenem Schweinfurter Grün ansiedelte, organische Arsenverbindungen freisetzen konnte, genug, um die Atemluft zu vergiften. Kein Wunder also, dass die Verwendung dieses Pigments in Wohnräumen bereits 1882 verboten wurde.

Die Farbe selbst war ein Chamäleon. Sie hatte viele Namen, die in den Salons und Werkstätten Europas kursierten: Pariser Grün, Patentgrün, Wiener Grün, Papageiengrün, Kaisergrün. Manche nannten sie schlicht Giftgrün, andere verbanden sie gar mit historischen Spekulationen über den Tod Napoleons auf Sankt Helena. Moderne Untersuchungen aus dem Jahr 2008 beruhigten jedoch die Gemüter: Das Pigment war wohl unschuldig, Napoleons Haar enthielt schon vorher Arsen, und Schweinfurter Grün hatte ihm lediglich eine dramatische Note verliehen.

Die Herstellung des Pigments war eine kleine chemische Zauberei. Grünspan und Arsen wurden zusammengekocht, zunächst entstand ein flockiger, schmutzig-grüner Niederschlag, der wenig glamourös wirkte. Doch nach einigen Tagen bildeten sich mikroskopisch kleine Kristalle, die in allen Nuancen von Grün funkelten. Wer wollte, konnte das Pulver noch weiter sieden, bis die Farbe besonders deckend wurde. Perfekt für Öl- und Lackfarben, weniger geeignet für Tapeten, aber umso wirksamer, um Gemälde und Stoffe in leuchtenden Grüntönen zu verzaubern.

Wer mit der Farbchemie vertraut war, konnte Schweinfurter Grün noch vielseitiger einsetzen. Mischt man es mit Gips, Bleiweiß oder Chromgelb, entstanden neue Nuancen mit eigenen Namen: Berggrün, Mitisgrün, Papageigrün, Maigrün – fast achtzig Varianten waren überliefert. Jede Nuance schien ihre eigene Persönlichkeit zu besitzen, und die Künstler liebten diese Vielfalt, die es ihnen erlaubte, Stimmungen und Licht in immer neuen Grüntönen zu malen.

Trotz seiner Schönheit war Schweinfurter Grün ein gefährlicher Begleiter. Sein Glanz lockte, aber seine chemische Natur bedrohte Leben. Heute mag man meinen, dass Schweinfurter Grün längst aus der Welt verschwunden sei, doch es taucht noch immer auf, leise und heimlich. In Museen und Bibliotheken, in alten Gemälden und Einbänden historischer Bücher, in restaurierten Räumen oder bei der Rekonstruktion alter Tapeten findet sich das Grün, das einst ganze Salons erleuchtete. Wer es heute betrachtet, sollte Vorsicht walten lassen, denn auch wenn es längst keinen Tod mehr bringt, erinnert seine Geschichte an die feine Grenze zwischen Schönheit und Gefahr, zwischen Kunst und Chemie.


Nachdem das Schweinfurter Grün seinen giftig-glänzenden Auftritt hinter sich hat, lohnt sich ein Blick auf das große Ganze: das Grün an sich. Diese Farbe, die sich so unschuldig gibt wie eine Frühlingswiese nach Regen, ist in Wahrheit ein kleines optisches Wunder. Grün erscheint uns nur dann, wenn Licht unser Auge mit Wellenlängen zwischen 520 und 565 Nanometern kitzelt. Ganz gleich, ob dieses Licht direkt von einer Lampe kommt oder von einer Oberfläche fröhlich zurückgeworfen wird – mindestens eine Handvoll Photonen muss in diesem Spektralbereich tanzen, damit wir „Ah, Grün!“ rufen.

Das Wort „grün“ stammt vom althochdeutschen gruoen, und das hieß so viel wie „wachsen“, „sprießen“ und „gedeihen“. Alles das, was man im Frühjahr beobachten kann, wenn die Natur aus einem langen Winterschlaf erwacht und in die Farbtöpfe greift. Kein Wunder also, dass Grün in so vielen Kulturen die Farbe der Hoffnung ist – wer wächst, hat schließlich Pläne.

In der Magie der Farbenlehre ist Grün eine der Grundfarben der additiven Farbmischung, neben Rot und Blau, und in der subtraktiven Farbmischung entsteht es, wenn Gelb und Cyan gemeinsame Sache machen. Während Grün fröhlich funkelt, lauert am Rand des Farbkreises sein Gegenspieler: Magenta, die Komplementärfarbe, mit der Grün sich gerne harmonisch oder dramatisch zofft, je nach Laune des Designers. Wer das Grün lieber in festen Formen bewundert, begegnet einer unendlichen Vielfalt an Schattierungen, von giftigen bis zu sanften Tönen, die Künstler, Designer und Naturbewunderer gleichermaßen verzaubern.

Warum ist die Welt voller Grün? Schuld daran ist das Chlorophyll, das Pflanzenblut, das genau die roten und blauen Lichtanteile verschluckt, aber das Grün fröhlich zurücklässt. Deshalb strahlen Kastanien im Frühling, Walnussbäumchen im Garten und ganze Wälder im Sommer in allen Schattierungen von grasig bis dunkelgründelnd. Sobald der Herbst Einzug hält, gibt das Chlorophyll das Feld frei, und plötzlich stehen Gelb und Rot im Rampenlicht. Und im Winter? Da müssen wir uns mit Tannengrün trösten – dem letzten Tapferen, das die Farbflagge im Dezember hochhält.

Grün ist nicht nur die Farbe der Natur, sondern auch ein Träger von Emotionen. Es steht seit alten Zeiten für Liebe im Aufblühen, und wenn jemand „ergrünt“, geht es meistens um Gefühle. Grün kann aber auch Misstrauen und Ablehnung symbolisieren, wie die Redensart „jemandem nicht grün sein“ zeigt. Dazu kommen noch die unreifen Früchte, die der Sprache die Worte „Grünschnabel“ und „grün hinter den Ohren“ geschenkt haben. Und natürlich Shakespeares berühmte „green-eyed jealousy“, die Eifersucht in funkelnden Augen beschreibt. Ironischerweise sind grüne Augen biologisch gar nicht grün. Sie entstehen durch eine Mischung aus wenig Melanin im Stroma und gebrochenem blauen Licht, das durch die Iris reflektiert wird, ein kleines Naturwunder, das die Illusion von Farbe erzeugt.

Die Pigmente der grünen Welt waren für die Menschheit immer ein besonderes Geschenk, aber auch eine Gefahr. In der Malerei dienten Chromoxide, basisches Kupferkarbonat, Kobaltverbindungen sowie Mineralien wie Malachit, Chrysokoll oder Dioptas dazu, die Welt in Grün zu tauchen. Die sanften, erdigen Töne von Veroneser Grün oder Böhmischer Erde begleiteten Künstler über Jahrhunderte, während Schweinfurter Grün als glamouröses und zugleich giftiges Abenteuer in dieser Palette thronte.

Doch Grün ist nicht immer Pigment. Ein Kolibri, der wie ein Edelstein glitzert, eine Goldwespe, die metallisch schimmert, Schmetterlingsflügel, die je nach Blickwinkel die Farbe wechseln – all dies sind Interferenzfarben. Die Oberflächen dieser Lebewesen sind oft gar nicht grün; sie spalten Licht in mikroskopischen Schichten und werfen es so zurück, dass unser Auge die Farbe wahrnimmt. Die Natur war schon immer die beste Designerin, und ihre kleinen Tricks sorgen dafür, dass wir das Grün als schillernd, lebendig und manchmal fast magisch erleben.

Auch als Symbol spielt Grün eine unermessliche Rolle. Im Umweltschutz wurde Chlorophyll zum Logo, und die politische Partei Die Grünen machte es zur Namensfarbe. Im Christentum steht Grün für Auferstehung, Hoffnung und liturgische Ruhe, im Islam symbolisierte es das Paradies und Leben, weil der Prophet Mohammed Grün bevorzugte. In China wird Grün mit Frühling und Osten assoziiert, während es in Technik und Bürokratie als Signalfarbe für Funktionstüchtigkeit und Ordnung dient. Grün weist den Weg, signalisiert Erlaubnis, markiert den ordnungsgemäßen Zustand von Maschinen und Geräten und erfüllt selbst in der Verkehrsführung die Rolle eines unsichtbaren Regulators.

Grün kann aber auch gefährlich sein. Die intensivsten und leuchtendsten Töne wurden in der Geschichte oft als Giftgrün bezeichnet. Schweinfurter Grün, Chromgrün und Kupferacetat waren frühe Beispiele für die faszinierende, aber gefährliche Seite des Farbreizes. Übertragen auf die Symbolik steht Grün für Leben, aber auch für Krankheit, Gier und Neid, was sich in Redewendungen wie „grün vor Neid“ oder in der fahlen Gesichtsfarbe bei Krankheit ausdrückt.

Grün begleitet den Menschen in allen Bereichen des Lebens. British Racing Green macht seit dem frühen 20. Jahrhundert Autos schneller – zumindest optisch. Eisenbahnwagen waren jahrzehntelang grün lackiert, weil das Pigment robust, lichtbeständig und wirtschaftlich war. Im Operationssaal schützt grüne Kleidung die Augen der Chirurgen vor Nachbildern, während Armeen grüne Tarnkleidung einsetzen, um sich in die Vegetation zu schmiegen. Selbst Rotweinflaschen tragen grünes Glas, um ihren wertvollen Inhalt vor schädlichem Licht zu schützen.

Die alte Welt wusste schon früh um die Macht des Grüns. In Ägypten galt Grün als Farbe der Regeneration und der Götterwelt, und Osiris wurde oft in Grün dargestellt, um Leben und Wiedergeburt zu symbolisieren. Die Römer verbanden Grün mit Venus, ihren Gärten und Weinbergen, und die Romantikbewegung im 18. und 19. Jahrhundert erhob Grün zur Farbe der Sehnsucht, Ruhe und Erholung. Goethe empfahl sogar grüne Schlafzimmerwände, um den Geist zu beruhigen. Im 20. Jahrhundert schließlich wurde Grün zum Symbol für Politik, Nachhaltigkeit und Umweltschutz, wo es die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft verkörpert.



Grün ist eine Farbe, die Geschichten erzählt, die Natur und Kultur verbindet, Leben und Tod, Schönheit und Gefahr in sich trägt. Es kann das Auge erfreuen, das Herz beruhigen, den Verstand warnen und gleichzeitig Träume inspirieren. Von den giftigen, funkelnden Kristallen des Schweinfurter Grüns über die sanften Blätter der Wälder bis hin zu den metallisch schimmernden Flügeln eines Kolibris – Grün ist überall. Es wächst, es gedeiht, es verzaubert. Wer genau hinsieht, entdeckt in jedem Ton, jedem Lichtspiel, jeder Nuance eine Geschichte, die so alt ist wie die Zivilisation selbst und doch immer wieder neu erzählt wird.


Quellen:

Die Farbe Grün in der Natur und Kunst | Adobe Express

Grün – Wikipedia

Die Geschichte des Schweinfurter Grün

Schweinfurter Grün – Wikipedia

11_BBA_Bd11_1992_DieHerstellungundVerarbeitungvonSchweinfurterGruen_197-205.pdf


von Alexandra Abredat 6. April 2026
Ostermontag ist wie ein Sonntag, der so tut, als wäre nichts Besonderes – und genau darin ist er erstaunlich gut. Man steht auf, der Tag wirkt harmlos, fast beiläufig. Kein großes Programm, kein gesellschaftlicher Druck. Und gerade deshalb passiert etwas, das an lauteren Tagen oft untergeht: Gedanken bekommen Raum. Ostermontag gehört liturgisch zu den höchsten Festtagen der Osteroktav, kein Nachklang, sondern ein zweiter Blick auf das, was vorher kaum zu fassen war. Im Evangelium gehen zwei Jünger nach Emmaus. Nicht zielstrebig, nicht hoffnungsvoll. Eher weg von dem, was sie nicht verstehen. Ein Fremder schließt sich ihnen an, hört zu, stellt Fragen, erklärt. Sie erkennen ihn nicht. Erst beim Brotbrechen begreifen sie, wen sie die ganze Zeit begleitet hat. Und in genau diesem Moment ist er verschwunden. Erkenntnis hat selten einen dramatischen Auftritt. Sie kommt leise und oft erst dann, wenn man nicht mehr damit rechnet. Vielleicht ist genau deshalb der Emmausgang geblieben. Kein Pflichttermin, sondern ein Weg, auf dem sich Gedanken sortieren dürfen. Mein eigener Weg begann zwei Tage vorher – zwischen Holzoberflächen, die so präzise gearbeitet sind, dass man unwillkürlich langsamer wird, und Räumen, die zeigen, wie durchdacht Wohnen sein kann. Der Besuch bei TEAM 7 in Ried war beeindruckend. Möbel, die nicht nur gut aussehen, sondern aus einem klaren Anspruch heraus entstehen: nachhaltige Materialien, ehrliches Handwerk, technische Lösungen, die nicht protzen, sondern funktionieren. Auch das Gebäude folgt dieser Haltung. Reduziert auf das Wesentliche, ressourcenschonend gedacht, ohne überflüssige Technik. Kein Showeffekt, sondern Konsequenz. Man spürt dort sehr deutlich, dass hochwertiges Design und echte Nachhaltigkeit sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig tragen. Und ja, diese Möbel sind ihren Preis wert. Nur ist dieser Preis für mich nicht erreichbar. Der Gedanke kam nüchtern. Kein Neid, kein Ärger, eher ein inneres Abhaken: beeindruckend, absolut stimmig – und außerhalb meiner Reichweite. Und dann stand sie plötzlich im Raum, diese leise, unangenehme Frage: Habe ich in meinem Leben etwas falsch gemacht, oder vergleiche ich einfach nur falsch? 
von Alexandra Abredat 4. April 2026
Es beginnt nicht mit Glocken. Nicht mit Schokolade. Nicht einmal mit dem Osterhasen, der sich seit Jahren erfolgreich jeder ernsthaften Befragung entzieht. Es beginnt viel früher. Irgendwo zwischen einem zaghaften Sonnenstrahl und dem ersten Vogel, der morgens plötzlich wieder klingt, als hätte er einen Plan. Ostern liegt genau in diesem Moment. Offiziell ist es das höchste Fest des Christentums. Gefeiert wird die Auferstehung Jesu Christi am dritten Tag nach seinem Tod am Kreuz. Ein Thema, das zunächst nach schwerem Stoff klingt und dann doch erstaunlich nah wird. Im Kern geht es um etwas sehr Menschliches: Dass nach dunklen Zeiten wieder etwas aufbrechen kann. Dass Entwicklung möglich ist, auch wenn sie sich zwischendurch überhaupt nicht so anfühlt. Der Termin dieses Festes wirkt dabei fast wie ein poetischer Kompromiss zwischen Himmel und Erde. Ostern findet am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond statt. Frühestens am 22. März, spätestens am 25. April. Kein starres Datum, sondern ein beweglicher Moment. Als würde man sagen: Dieses Fest braucht die richtige Stimmung, nicht nur den richtigen Tag. Mit der Nacht zum Ostersonntag beginnt die österliche Freudenzeit, die sich bis Pfingsten zieht. Freude wird hier nicht als kurzer Höhepunkt verstanden, sondern als etwas, das sich entfalten darf. Auch das wirkt erstaunlich lebensnah. In der Osternacht wird es zunächst dunkel. Bewusst. Dann wird ein Feuer entzündet. Kein symbolisches Flämmchen, sondern ein echtes, lebendiges Feuer. Daran wird die Osterkerze entzündet, und dieses Licht wird weitergegeben. Von Mensch zu Mensch. Ohne große Worte. Es funktioniert trotzdem. Parallel dazu läuft die zweite, sehr erfolgreiche Version von Ostern. Eier werden versteckt. Kinder suchen. Erwachsene tun so, als ginge sie das nichts an, und freuen sich dann doch über das letzte Stück Schokolade. Der Osterhase bleibt dabei ein Phänomen, das man besser nicht zu genau hinterfragt. Das Ei selbst ist allerdings alles andere als Zufall. Es ist eines der ältesten Symbole überhaupt. Geschlossen, unscheinbar, und gleichzeitig voller Leben. Wenn man lange genug darüber nachdenkt, wird es fast ein bisschen philosophisch. Wenn man hungrig ist, bleibt es einfach ein Ei. Was oft übersehen wird: Ostern steht nicht für sich allein. Es ist eng mit einem anderen, viel älteren Fest verbunden – dem Pessachfest im Judentum, auch Passa, Passach, Passah oder Pascha genannt. Dieses Fest erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. An die Befreiung aus der Sklaverei. An den Moment, in dem aus Abhängigkeit plötzlich Freiheit wird. Pessach wird im Frühling gefeiert, im Monat Nisan, und dauert mehrere Tage. Es beginnt mit dem Sederabend, einem bewusst gestalteten Familienfest. Dort wird die Geschichte des Auszugs erzählt, gegessen, gefragt und erklärt. Besonders schön ist, dass die jüngste Person am Tisch Fragen stellt. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil Fragen ausdrücklich dazugehören. Diese Erzählung wird nicht nur erinnert, sondern immer wieder neu erlebt. Jeder soll sich fühlen, als wäre er selbst Teil dieser Geschichte gewesen. Nicht Zuschauer, sondern Beteiligter. Das ist keine kleine Idee. Das ist Identität. Auch die Speisen tragen Bedeutung. Ungesäuertes Brot, sogenannte Matzen, erinnert daran, dass beim Aufbruch keine Zeit blieb, Teig gehen zu lassen. Bitterkräuter stehen für die Härte der Sklaverei. Nichts daran ist zufällig. Alles erzählt. Und genau hier berühren sich Pessach und Ostern. Denn die Ereignisse rund um Jesus fanden während einer Pessachwoche statt. Das letzte Abendmahl wird in den Evangelien als Pessachmahl beschrieben. Die Vorstellung vom „Lamm Gottes“ greift das Pessachlamm auf, das ursprünglich als Zeichen des Schutzes und der Rettung galt. Selbst zentrale Elemente der christlichen Tradition – gemeinsames Mahl, Segensbecher, Deutung von Speisen – haben ihre Wurzeln im jüdischen Seder. Man könnte sagen: Ohne Pessach kein Ostern. Beide Feste erzählen auf ihre Weise von Befreiung. Im Judentum ganz konkret aus der Sklaverei in Ägypten, im Christentum in einer übertragenen, spirituellen Form als Hoffnung auf neues Leben. Unterschiedliche Perspektiven, aber eine gemeinsame Grundbewegung. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieses Festes. Es verbindet Zeiten, Geschichten und Erfahrungen miteinander. Es erinnert daran, dass Aufbruch selten laut beginnt und dass Hoffnung oft leise wächst. Manchmal genügt es, diesen Moment wahrzunehmen. Der Rest geschieht ohnehin. Quellen: Ostern – Wikipedia Pessach – Wikipedia
von Alexandra Abredat 4. April 2026
Fast jeder hat schon einmal selbstbewusst auf eine Tanne gezeigt – und dabei ziemlich sicher eine Fichte gemeint. Ein Klassiker. Passiert häufiger, als man zugeben möchte. Die echte Weißtanne, Abies alba, bleibt dabei meist im Hintergrund. Völlig zu Unrecht. Sie gehört zu den eindrucksvollsten und zugleich sensibelsten Baumarten Europas – nur eben nicht zu denen, die sich aufdrängen. Ihre Stärke liegt im Leisen. Sie zeigt sich Schicht für Schicht, und nur denjenigen, die bereit sind, ein zweites Mal hinzusehen. Die Weißtanne gehört zur Gattung der Tannen innerhalb der Familie der Kieferngewächse (Pinaceae). Ihr Name verweist auf eines ihrer markantesten Merkmale: die helle, oft silbrig-graue Borke. Diese bleibt bei jungen Bäumen lange glatt und wirkt beinahe weich, bevor sie im Alter aufreißt und eine schuppige Struktur entwickelt. In der Rinde finden sich kleine Harzblasen, die nicht nur botanisch interessant sind, sondern auch eine lange Geschichte in der Volksmedizin tragen. Ein unmittelbares Erkennungsmerkmal zeigt sich in den Nadeln. Sie sind flach, weich und stumpf. Eine Berührung ist möglich, ohne Zurückweichen. Die Unterseite trägt zwei deutlich sichtbare, helle Streifen. Diese entstehen durch Reihen von Spaltöffnungen und verleihen der Nadel einen silbrigen Schimmer. Die Nadeln sitzen scheinbar direkt am Zweig, fast so, als wären sie angesetzt oder angesaugt. Dieses Detail wirkt unscheinbar, prägt jedoch den gesamten Charakter des Baumes. Die Weißtanne ist eine ausgesprochene Schattenbaumart. Ihre Keimlinge und Jungpflanzen können über viele Jahre im Halbdunkel des Waldes bestehen. In dieser Phase wächst sie langsam, beinahe zurückhaltend, während sie gleichzeitig ihre innere Struktur festigt. Sobald sich eine Lichtlücke öffnet, reagiert sie mit bemerkenswerter Dynamik. Wachstum entsteht dann nicht hastig, sondern kraftvoll und ausdauernd. Unter günstigen Bedingungen erreicht die Weißtanne Höhen von 30 bis 50 Metern, in Ausnahmefällen sogar darüber hinaus. Ihr Lebensalter kann mehrere Jahrhunderte umfassen. Während dieser langen Zeit verändert sich ihre Gestalt. Junge Bäume zeigen eine klassische, spitze Krone. Mit zunehmendem Alter verliert der Gipfeltrieb an Dominanz, während die Seitenäste weiterwachsen. Es entsteht die sogenannte Storchennestkrone, ein Bild von Reife und Anpassung. Von besonderer Bedeutung ist ihr Wurzelsystem. Die Weißtanne entwickelt eine ausgeprägte Pfahlwurzel, die tief in den Boden reicht. Ergänzt wird sie durch weitreichende Seitenwurzeln, die den Boden zusätzlich erschließen. Diese Kombination verleiht ihr eine außergewöhnliche Standfestigkeit. Gleichzeitig trägt sie zur Stabilisierung des Bodens und zur Verbesserung des Wasserhaushalts im Wald bei. Ihre Wurzeln verbinden sich häufig mit denen benachbarter Bäume und bilden ein unterirdisches Netzwerk, das Austausch und Unterstützung ermöglicht. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich über große Teile Europas, vor allem entlang der Gebirgsräume von den Pyrenäen bis zum Balkan. In Österreich findet man sie vor allem in den Alpen sowie in den höheren Lagen des Wald- und Mühlviertels. Sie bevorzugt luftfeuchte Standorte mit ausreichender Wasserversorgung, zeigt jedoch eine gewisse Toleranz gegenüber unterschiedlichen Böden. Eine konstante Wasserversorgung ist für ihr Wachstum wichtiger als hohe Nährstoffverfügbarkeit. Die Weißtanne ist eng in das ökologische Gefüge des Waldes eingebunden. Sie lebt in enger Verbindung mit Pilzen, mit denen sie sogenannte Mykorrhiza-Partnerschaften eingeht. Diese Symbiosen ermöglichen einen verbesserten Austausch von Nährstoffen und Wasser. Gleichzeitig bietet sie Lebensraum für zahlreiche Tierarten, von Insekten bis zu Vögeln. Trotz dieser Bedeutung ist ihr Bestand in den letzten Jahrhunderten deutlich zurückgegangen. Forstwirtschaftliche Entscheidungen, insbesondere die Bevorzugung der Fichte, haben dazu geführt, dass die Weißtanne vielerorts verdrängt wurde. Kahlschläge, Übernutzung und eine veränderte Waldstruktur erschwerten ihre natürliche Verjüngung. Hinzu kommt ein starker Verbiss durch Wildtiere, der junge Pflanzen besonders betrifft. Auch Umweltbelastungen haben ihre Spuren hinterlassen. Die Weißtanne reagiert empfindlich auf Luftschadstoffe, insbesondere auf Schwefeldioxid. In Zeiten hoher Emissionen kam es zu erheblichen Schäden in den Beständen. Erst mit der Verbesserung der Luftqualität konnte sich die Situation teilweise stabilisieren.

3. April 2026
Wenn aus Pflanzen Essenz wird – und aus Gedanken Klarheit Während meines Erasmus-Aufenthalts in Österreich und meiner Arbeit bei Sensoleo im Bereich Destillation und ätherische Öle hat sich nach und nach eine Verbindung gezeigt, die meine Arbeit prägt: die Verbindung von Naturcoaching und der Destillation ätherischer Öle. die Verbindung von Naturcoaching und der Destillation ätherischer Öle. Auf den ersten Blick wirken diese beiden Bereiche unterschiedlich. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, wie nah sie sich sind. Beides sind Prozesse. Beides braucht Zeit, Aufmerksamkeit und einen klaren Rahmen. Beides entzieht sich jeder Beschleunigung. Im Naturcoaching geht es darum, in Kontakt zu kommen – mit sich selbst, mit einem Thema, mit dem, was gerade da ist. Die Natur ist dabei kein Hintergrund, sondern Gegenüber. Sie bringt Ruhe, weitet den Blick und ermöglicht eine Klarheit, die sich in geschlossenen Räumen oft nicht einstellt. Auch die Destillation folgt diesem Prinzip. Der Prozess beginnt nicht erst mit dem ersten Tropfen.
von Alexandra Abredat 3. April 2026
Es ist ein eigenartiger Moment, wenn ein Tag, der sich jahrelang „anders“ angefühlt hat, plötzlich ganz gewöhnlich wird. In Österreich ist der Karfreitag kein gesetzlicher Feiertag mehr. Die Welt läuft weiter, Termine bleiben bestehen, Supermärkte sind geöffnet. Und ich merke: Gerade dadurch wird dieser Tag spürbar. In Deutschland kenne ich ihn als stillen Einschnitt. Ein Tag, der sich fast von selbst entschleunigt. Weniger Lärm, weniger Bewegung, oft auch weniger Ablenkung. Es gibt Regeln, ja – Tanzverbot, eingeschränkte Veranstaltungen – aber dahinter liegt etwas Tieferes: eine kollektive Übereinkunft, dass dieser Tag nicht laut sein soll. In Österreich ist das anders. Hier ist der Karfreitag heute ein „persönlicher Feiertag“. Wer möchte, kann ihn sich frei nehmen – aus dem eigenen Urlaub. Wer arbeitet, arbeitet. Der Tag gehört nicht mehr allen, sondern jedem Einzelnen. Und genau da beginnt für mich die eigentliche Frage: Was passiert mit einem stillen Tag, wenn er nicht mehr geschützt ist?  Der Karfreitag ist kein freundlicher Feiertag. Sein Name kommt vom althochdeutschen „kara“ – Klage, Trauer, Schmerz. Es ist ein Tag, der nicht tröstet, sondern zuerst einmal konfrontiert. Im christlichen Verständnis wird an diesem Tag des Leidens und Sterbens Jesu gedacht. Die Kreuzigung – ein brutales, endgültiges Geschehen.
von Alexandra Abredat 30. März 2026
Der Name Sauwald steht am Anfang dieser Landschaft wie ein leiser Stolperstein. Er klingt schlicht, beinahe grob, als würde er nicht recht zu dem passen, was sich dahinter verbirgt. Schnell ist die volkstümliche Erklärung zur Hand: Wildschweine, die einst durch diese Wälder zogen. Doch der Blick zurück öffnet eine andere Spur. Wahrscheinlicher verweist der Name auf den „Passauer Wald“, auf die enge historische Verbindung zur Stadt Passau und ihrem Bistum. In diesem scheinbar einfachen Wort liegt also bereits eine Schichtung aus Geschichte, Deutung und Erinnerung. Landschaft beginnt hier nicht erst mit dem, was sichtbar ist, sondern mit dem, was benannt wurde.  Im Rahmen meines achtwöchigen Erasmus-Aufenthalts in Österreich entsteht eine besondere Form von Aufmerksamkeit für solche Orte. Der Alltag ist geprägt von körperlicher Arbeit, von Anstrengung, die sich unmittelbar im Körper abbildet. Muskeln, die sich melden, Bewegungen, die bewusster werden, ein Rhythmus, der sich langsam verschiebt. Gerade in dieser körperlichen Erfahrung öffnet sich ein Raum für Wahrnehmung. Der Sauwald tritt darin nicht als spektakuläres Ziel hervor, sondern als etwas, das sich schrittweise erschließt. Eine Landschaft, die nicht überwältigt, sondern begleitet. Geologisch betrachtet gehört der Sauwald zur Böhmischen Masse, einem der ältesten Grundgebirge Europas. Diese uralte Struktur prägt bis heute das Erscheinungsbild. Südlich der Donau erhebt sich das Gebiet als plateauartige Formation und zieht sich über etwa vierzig Kilometer von Passau und Schärding am Inn bis in den Raum Aschach und Eferding. Die Breite variiert zwischen zehn und zwanzig Kilometern, doch diese Zahlen erfassen nur unzureichend, was sich tatsächlich zeigt. Entscheidend ist die Form. Nach Norden hin fällt das Gelände steil zur Donau ab. Die sogenannten Donauleiten markieren diesen Übergang eindrucksvoll. In die anderen Richtungen hingegen verliert sich die Höhe sanfter im Alpenvorland. Diese klare Abgrenzung verleiht dem Sauwald eine Eigenständigkeit, die sich auch ohne Kartenlesen erschließt.
von Alexandra Abredat 29. März 2026
Es beginnt nicht mit Fliesen. Es beginnt mit einer Wahrheit, die man nicht mehr wegerklären kann: Mein Badezimmer war einmal ein Schweinestall. Nicht im übertragenen Sinn. Kein charmantes „ein bisschen in die Jahre gekommen“. Sondern ganz konkret. Mit allem, was dazugehört. Geschichte, Geruch – und einer sehr klaren Vorstellung davon, wofür dieser Raum ursprünglich gedacht war. Spoiler: Wellness gehörte nicht dazu.
von Alexandra Abredat 28. März 2026
Der Morgen liegt noch kühl über dem Inn, als hätte die Nacht ihre Finger nicht ganz von der Landschaft gelöst. Nebel zieht in feinen Schleiern über das Wasser, bleibt hängen an Schilfkanten, an Weidenzweigen, an den stillen Buchten der Altwässer. Während meines achtwöchigen Erasmus-Aufenthalts in Österreich nehme ich mir immer wieder Zeit, genau hier stehen zu bleiben. Es ist kein Ort, der sich aufdrängt, sondern einer, der sich erst zeigt, wenn man bereit ist zu schauen. 
von Alexandra Abredat 28. März 2026
Die Reise beginnt lange, bevor ein Motor anspringt. Sie beginnt in einem diffusen Zwischenraum aus Idee und Zweifel, irgendwo im Sommer 2025, als der Gedanke an Erasmus+ zum ersten Mal nicht mehr nur abstrakt blieb, sondern sich langsam verdichtete. Europa, Austausch, Entwicklung – große Worte, die in der Praxis plötzlich ganz konkret werden. Formulare, Abstimmungen, E-Mails, Fristen. Vieles davon war überraschend klar strukturiert und mit etwas Geduld gut zu bewältigen. Die eigentliche Herausforderung lag jedoch nicht im Organisatorischen, sondern im Inneren. In diesem leisen Unbehagen, das sich meldet, wenn man nicht genau weiß, worauf man sich einlässt und das sich auch nicht sofort legt. Sensoleo in Österreich war zu diesem Zeitpunkt noch mehr Vorstellung als Realität. Ich wusste, dass dort destilliert wird, dass mit Pflanzen gearbeitet wird, dass Qualität und Regionalität eine Rolle spielen. Aber wie sich das anfühlen würde, wie es riecht, klingt, sich im Körper anfühlt – das wusste ich nicht. Und genau darin lag eine eigentümliche Spannung: nicht vorbereitet im klassischen Sinne zu sein, sondern offen. Die Fahrt Anfang März verläuft ruhig, fast unspektakulär. Passau bleibt ein kurzer Moment am Rand, ein Übergang, kein Ziel. Dahinter beginnt etwas anderes. Die Straßen werden kurviger, die Landschaft weiter und gleichzeitig stiller. Wälder, Felder, vereinzelte Höfe. Mein erster Halt liegt in Esternberg. Die Arbeit findet in Münzkirchen statt, ein paar Kilometer entfernt. Das Ankommen ist warm – so, wie es sich schon im Mail- und Telefonkontakt angedeutet hat. Kein vorsichtiges Herantasten, sondern sofortige Offenheit. Ich werde nicht nur begrüßt, ich werde aufgenommen. Meine Unterkunft ist großzügig, modern und ruhig. Kein Übergangsort, sondern ein Raum, der Stabilität gibt. Und genau das verändert den Blick auf alles, was folgt. Schneller, als es sich vorher angefühlt hat. 
von Alexandra Abredat 23. Januar 2026
Ein Wintermärchen mit Pfoten, Federn und Herz: Manchmal braucht eine Geschichte länger als geplant. Sie trödelt ein wenig, macht Umwege, setzt sich zwischendurch in den Schnee und schaut erst einmal. Genau so eine Geschichte ist Pfoten im Schnee . Und jetzt ist sie fertig. Endlich. Und ich freue mich sehr.
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