Brennnessel – Heilpflanze, Aphrodisiakum, Zaubermittel und mehr

Alexandra Wizemann

Brennnesseln werden allgemein als lästiges Unkraut angesehen. Aber sie bieten deutlich mehr...

Brennnesseln werden allgemein als lästiges Unkraut angesehen. Sie hinterlassen bei Kontakt juckende Pusteln auf der Haut und sind besonders lästig, wenn man mit kurzen Hosen durch die Natur streift. Dennoch ist die Brennnessel eine sehr nützliche Pflanze, die gerne in Küche, Naturheilkunde und im Garten eingesetzt wird. [1]

Die Brennnessel ist ein echter Kosmopolit, denn die Gattung Urtica ist fast weltweit verbreitet, lediglich in der Antarktis kommen keine Arten vor. Im deutschsprachigen Raum kommen vier Brennnessel-Arten vor: Die bekanntesten sind die zweihäusige Große Brennnessel (Urtica dioica) und die einhäusige Kleine Brennnessel (Urtica urens); außerdem existieren hier noch die Röhricht-Brennnessel (Urtica kioviensis) und die aus dem Mittelmeerraum eingeschleppte Pillen-Brennnessel (Urtica pilulifera), deren gelegentliche mitteleuropäische Vorkommen auf die Kulturflucht aus Kräutergärten zurückzuführen ist, in denen sie wegen ihrer schleimigen Samen kultiviert wurde. [2]

Der Gattungsname Urtica stammt vom lateinischen urere = brennen. Der zweite Teil des Wortes Brennnessel geht auf eine Gestalt der griechischen Mythologie zurück: Nessos. Nessos ist ein Kentaur  in der griechischen Mythologie. Dieses Wesen – eine Mischung aus Pferd und Mensch begehrte die Frau des Harakles . So entführte also der Kentaur Nessos die schöne Deianeira , worauf Herakles ihn tötete.


Vorkommen

Sowohl die Große als auch die Kleine Brennnessel haben ihren Ursprung in Mitteleuropa. Da beide einen recht hohen ökologischen Toleranzbereich haben, sind sie heute bis weit nach Asien, Nordeuropa und Nordamerika verbreitet. Gelegentlich sind die Pflanzen auch in Südeuropa verwildert anzutreffen, wenngleich dort nur vereinzelt.

Brennnesseln sind überall dort anzutreffen, wo nährstoffreiche bzw. stickstoffreiche Böden mit ausreichender Feuchtigkeit vorhanden sind. Die Pflanze gilt als Stickstoffanzeiger. Sie ist häufig an Waldrändern, stickstoffreichen Brachflächen, an Rändern von Kulturparks oder in der Nähe von Teichen, Tümpeln und Flussrändern verwildert zu finden. Dort bilden sie meist regelrechte Brennnesselfluren, die oft zusammen mit Giersch auftreten. [3]


Vegetative Merkmale

Brennnessel-Arten wachsen als einjährige oder ausdauernde krautige Pflanzen, selten auch Halbsträucher. Sie erreichen, je nach Art, Standort und Nährstoffsituation, Wuchshöhen von 10 bis 300 Zentimetern bei den in Mitteleuropa vertretenen Arten. Die ausdauernden Arten bilden Rhizome als Ausbreitungs- und Überdauerungsorgane. Die grünen Pflanzenteile sind mit Brenn- sowie Borstenhaaren besetzt. Ihre oft vierkantigen Stängel sind verzweigt oder unverzweigt, aufrecht, aufsteigend oder ausgebreitet. Die meist kreuzgegenständig am Stängel angeordneten Laubblätter sind gestielt. Die Blattspreiten sind elliptisch, lanzettlich, eiförmig oder kreisförmig. Die Blattspreiten besitzen meist drei bis fünf, selten bis zu sieben Blattnerven. Der Blattrand ist meist gezähnt bis mehr oder weniger grob gezähnt. Die oft haltbaren Nebenblätter sind frei oder untereinander verwachsen. Die Zystolithen sind gerundet bis mehr oder weniger verlängert.

 

Brennhaare

Bekannt und unbeliebt sind die Brennnesseln wegen der schmerzhaften Quaddeln (Schwellungen), die auf der Haut nach Berührung der Brennhaare entstehen. Je nach Brennnesselart unterscheiden sich die Folgen, so ist beispielsweise die Brennflüssigkeit der Kleinen Brennnessel (Urtica urens) wesentlich schmerzhafter als die der Großen Brennnessel (Urtica dioica). Diese Brennhaare wirken als Schutzmechanismus gegen Fraßfeinde. Es sind lange einzellige Röhren, deren Wände im oberen Teil durch eingelagerte Kieselsäure hart und spröde wie Glas sind. Das untere, flexiblere Ende ist stark angeschwollen, mit Brennflüssigkeit gefüllt und in einen Zellbecher eingesenkt, die Spitze besteht aus einem seitwärts gerichteten Köpfchen, unter dem durch die hier sehr dünne Wand eine Art Sollbruchstelle vorhanden ist.[4]


Generative Merkmale

Sie sind je nach Art einhäusig (monözisch) oder zweihäusig (diözisch) getrenntgeschlechtig. In den Blattachseln stehen in verzweigten, rispigen, ährigen, traubigen oder kopfigen Gesamtblütenständen viele zymöse Teilblütenstände mit jeweils vielen Blüten zusammen. Die relativ kleinen, unauffälligen, immer eingeschlechtigen Blüten sind (selten zwei- bis sechs-) meist vier- bis fünfzählig. Die eingeschlechtigen Blüten sind etwas reduziert. Es sind meist vier (zwei bis fünf) Blütenhüllblätter vorhanden. Die männlichen Blüten enthalten meist vier (zwei bis fünf) Staubblätter. Der weiblichen Blüten enthalten einen Fruchtknoten, der zentral in der Blüte liegt und aus nur einem Fruchtblatt gebildet wird.[5]


Einige morphologisch ähnliche Arten

Die Arten der mit den Brennnesseln nicht verwandten Gattung der Taubnesseln (Lamium) sehen den Brennnesseln in Wuchs und Blattform sehr ähnlich, besitzen aber keine Brennhaare und sehr viel größere und auffälligere Blüten. Beim Zerreiben riechen sie auch vollkommen anders und die Nervatur der Taubnesselblätter wirkt eher wabenförmig. Die ebenfalls ähnlichen Blätter der Nesselblättrigen Glockenblume (Campanula trachelium) sind dagegen wechselständig.[6]


Bestäubung

Brennnessel-Arten sind windbestäubt. Wenn sich bei den männlichen Blüten die Blütenhüllblätter öffnen, schnellen ihre Staubblätter hervor; dabei wird explosionsartig eine Wolke von Pollen in die Luft geschleudert. Der Wind überträgt anschließend den Pollen auf die weiblichen Blüten. Die sitzenden, in den haltbaren inneren Blütenhüllblättern locker eingehüllten Nüsschen sind gerade, seitlich abgeflacht, eiförmig oder deltoid. Die aufrechten Samen enthalten wenig Endosperm und zwei fleischige, fast kreisförmige Keimblätter (Kotyledonen).[7]


Die Brennnessel als Zeigerpflanze

Ein starker Brennnesselwuchs gilt allgemein als Zeiger für einen stickstoffreichen Boden und bildet sich oft als Ruderalpflanze auf früher besiedelten Stellen aus. Eine große Anzahl Brennnesseln in einem Gebiet erlaubt es somit, auch ohne chemische Untersuchungen Rückschlüsse auf die Bodenbeschaffenheit zu ziehen. [8]

# Die Brennnessel ist ein Indikator für stickstoffreiche Böden.

# Zu viel Stickstoff macht Pflanzen anfälliger für Krankheiten.

# Ausgewaschene Stickstoffverbindungen können das Grundwasser belasten.

# Brennnesseln können ein erster Hinweis auf ein zukünftiges Absinken des Boden-pH-Wertes sein.

Obwohl die Brennnessel keine typische Zeigerpflanze für saure Böden (Boden-pH-Wert bis 6) ist, kann die Stickstoff liebende Brennnessel jedoch eine erste Indikatorpflanze für eine zukünftige Bodenübersäuerung durch zu viel Stickstoff sein. Für die allermeisten Pflanzen ist bei Böden mit mittlerem Humusgehalt ein Boden-pH-Wert von 5 bis 6 (sandige Böden), 5,5 bis 6,5 (lehmige Böden) und 6 bis 7 (tonige Böden) optimal.[9]


Lebensraum für Tiere

Besonders wichtig ist die Brennnessel als Futterpflanze für Raupen. Es gibt Schmetterlingsarten, wie die bekannten Tagfalterarten Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, Admiral und Landkärtchen, deren Raupen sich ausschließlich von Brennnesseln ernähren.

# Die Raupen des Kleinen Fuchses sind an trockenen und sonnigen Stellen zu finden

# Das Tagpfauenauge mag es zwar gleichfalls sonnig, aber dennoch luftfeucht und bevorzugt daher Plätze an Gewässern.

Beide Arten benötigen überdies größere Brennnesselbestände.

# Der Admiral dagegen gibt sich schon mit Ansammlungen einiger weniger Pflanzen zufrieden und bevorzugt eher kümmerliche Brennnesseln. Hier sind die Blätter mit Fäden zu Tüten aufgerollt, in deren Schutz die Raupen tagsüber ruhen.

# Das Landkärtchen sucht sich die schattigsten Wuchsorte der Brennnessel aus, die oft großen und dichten Bestände in den fluss- und bachbegleitenden Auwäldern.

Auf fast jeder Brennnessel sind Fraßspuren einzelner Insekten zu finden. Dabei müssen diese eine Strategie entwickelt haben, mit der sie die Brennhaare umgehen. Sie fressen sich um die Haare herum und bevorzugen dabei die Wege entlang der Blattadern und der Blattränder, da sich dort keine Brennhaare befinden. Vorteilhaft für die Insekten: Das Gift dringt nicht aus der Spitze, wenn das Haar unten an der Wurzel angefressen wird. Für Marienkäferarten und viele andere Käfer dient die Brennnessel als Ort für die Jagd nach kleineren Insekten. Der Pflanzensaft ist ebenfalls Nahrung für Schaumzikaden und Wanzen sowie deren Nachwuchs.[10]


Verwendung

Die meisten der folgenden Aspekte beziehen sich auf die Große Brennnessel (Urtica dioica). Seit über 30.000 Jahren nutzen die Menschen Brennnesseln als Färberpflanze, Faserlieferanten, als Speise- und Heilpflanze, als Aphrodisiakum, als Zaubermittel, Ritualgewächs und Symbolträger. [11]

Die Brennnessel enthält in ihren Blättern einen Wirkstoff, der Bakterien in ihrem Wachstum hemmt. Früher gab man daher in frisch gemolkene Milch eine Handvoll Brennnesselblätter, um sie länger haltbar zu machen. Auch manche Lebensmittel wie Frischfleisch oder Fisch wurden früher in die Blätter von Brennnesseln eingewickelt aufbewahrt, um ihre Haltbarkeit zu verlängern. Brennnesseln enthalten mehr Vitamin C  als Zitrusfrüchte und sind zudem reich an Mineralien wie Eisen, Kalium und Magnesium und sekundären Pflanzenstoffen wie den Flavonoiden. Die Flavonoide sorgen zusammen mit dem Kalium für die entwässernde Wirkung der Blätter. Überraschenderweise sind Brennnesseln auch eiweißreich. 100 g frische Brennnesselblätter enthalten ähnlich viel Eiweiß wie die gleiche Menge frische Hülsenfrüchte, nämlich bis zu 8 g. Auch die Samen sind essbar und werden geröstet geknabbert.[12]


Färberpflanze

Färberpflanzen haben eine lange Tradition. Noch bevor Farben künstlich hergestellt werden konnten, malte und färbte man mit natürlichen Farbmitteln. Wolle kann man mit der Brennnessel Wurzel, nach Vorbeizen mit Alaun, wachsgelb färben. Mit einer Zinnvorbeize, Kupfernachbeize und einem Ammoniak-Entwicklungsbad erzielen die oberirdischen Teile ein kräftiges Graugrün. Man benötigt etwa 600 Gramm Brennnessel pro 100 Gramm Wolle; besonders bei der Brennnessel kann der Farbton vom Zeitpunkt des Pflückens und Färbens abhängen, deshalb ist die Technik bei Massenproduktion von Kollektionen in Vergessenheit geraten.[13]


Fasernessel

Die Fasernessel (Urtica dioica L. convar. fibra) ist eine Konvarietät der Großen Brennnessel (Urtica dioica). Sie wurde zwischen 1927 und 1950 von Gustav Bredemann im Hinblick auf einen höheren Faseranteil züchterisch ausgelesen, geriet jedoch danach in Vergessenheit, bis sie im Rahmen des neu erwachten Interesses an alternativen Faserpflanzen in den 1990er Jahren wiederentdeckt und züchterisch weiterbearbeitet wurde.[14]

Im Vergleich zu Flachs und Hanf handelt es sich bei der Nessel um eine mehrjährige (perennierende) Pflanzenart, die als Dauerkultur viele Jahre Fasern liefert. Bisher liegen die Erfahrungen aus mehr als einem Jahrzehnt zu konstant guter Qualität der Fasern vor. Die aktuelle Nutzung der Fasernessel konzentriert sich auf die Gewinnung feiner Fasern zur Herstellung hochwertiger Textilien und für medizinische Anwendungen. Da insbesondere die Vermehrung – bisher vegetativ – sehr kostenintensiv ist, wird hier nach kostengünstigeren Alternativen geforscht. Die Gewinnung elementarer Nesselfasern über Entholzung, Reinigung, Krempeln, Kardieren und Degummierung entspricht denen der anderen Bastfasern. Die Fasergewinnung ist demnach genau so aufwendig wie bei anderen Bastfasern, wenn dabei elementare Nesselfasern und nicht nur Faserstränge herstellt werden.[15]


Speisepflanze

Die Brennnessel ist sowohl im rohen als auch im verarbeiteten Zustand essbar. Das gilt für alle ihre Pflanzenteile, wobei ihre Blätter und Samen am häufigsten verzehrt werden. Werden die Brennnesseln verarbeitet, gehen Inhaltsstoffe wie Vitamin C und B-Vitamine verloren. Daher ist es ratsam – falls möglich – die Brennnesseln roh zu essen.


Rezept für rohe Brennnesseln

# Brennnesseln mit einem Nudelholz überwalzen

# oder Brennnesseln kurz in warmes Wasser legen und mit einem Tuch auswringen

# oder mit einem Messer über die Pflanzenteile streifen

# oder Brennnesseln mixen

Durch die genannten Prozeduren gehen die Härchen kaputt, das Nesselgift tritt aus und kann keine Quaddeln mehr bei Ihnen hervorrufen. In diesem Zustand sind die Brennnesseln beispielsweise verwendbar für Salate zusammen mit Tomaten oder Gurken. Auch für Smoothies, Säfte, Kräuterdips und Joghurtsaucen eignen sie sich.
 

Brennnessel Spinat

# Zwiebel kleinhacken

# mit 200 g kleingeschnittenen Brennnesselblättern und Butter andünsten

# mit 200 ml Wasser und 50 ml Sahne auffüllen

#  mit Muskat, Pfeffer, Senf und Salz würzen

# 10 bis 20 Minuten garen und grob pürieren


Weitere Verwertungsideen

Es gibt noch viele weitere Rezeptideen zum Verwerten von Brennnesselblättern. Sie passen zu vielen Gerichten. Ob gedünstet zu Fleisch, im Risotto, in einem Gemüseeintopf, in einer Kräutersauce, im Auflauf oder kleingehackt in einem Omelett – den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Die Brennnesselsamen sind für Müsli, Joghurtspeisen und Salate geeignet.[16]


Brennnessel-Haselnuss-Likör[17]

Haselnüsse haben ein kräftiges Aroma, das sich durch das Anrösten verstärkt. Die Brennnesseln unterstützt es mit ihren grünen Tönen.

# 200 g Haselnüsse

# 30 g getrocknete Brennnesselblätter

# 500 ml Haselnussgeist 40-45 %

# 350 ml Haselnusssirup

# 150 ml Wasser

Die Haselnüsse grob raspeln, dann auf einem Blech verteilen und 15 Minuten bei 160 Grad im Backofen rösten. Kurz abkühlen lassen und lauwarm in den Haselnussgeist geben. Sofort gut verschließen und 2 Wochen ziehen lassen.

Die Brennnesselblätter in Wasser einen Tag einweichen und zusammen mit dem Haselnusssirup zu dem Haselnussansatz geben. 3 Wochen im verschlossenen Gefäß reifen lassen, währenddessen mehrmals gut durchschütteln.

Durch einen Faltenfilter filtrieren und in Flaschen abfüllen. Dunkel und verschlossen aufbewahren.


White Russian (Foto oben)

Das Lieblingsgetränk der Hauptfigur im Spielfilm The Big Lebowski von 1998 ist ein White Russian und wird aus Wodka, Kaffeelikör und Sahne oder Milch gemixt. Aufgrund der Bestandteile von Likör und Sahne zählt der Shortdrink zu den After-Dinner-Drinks. 

Hier finden Sie eine Variante mit Brennnessel-Haselnuss-Likör.

Rezept

# 4 cl Gin

# 2 cl Brennnessel-Haselnuss-Likör

# 1 cl Sahne oder Milch

Zubereitung:

1) Die Sahne oder Milch leicht schlagen, sodass sie gerade noch flüssig ist.

2) Einen Tumbler mit Eiswürfeln füllen.

3) Den Wodka und den Kaffeelikör ins Glas geben und umrühren.

4) Mit einer Kaffeebohne dekorieren und gleich servieren


Heilpflanze

Die Brennnessel ist als Heilpflanze eine der bekanntesten Kräuter in unseren Breiten. Kraut, Blätter und Samen enthalten viel Vitamin C, Vitamin A, Mineralsalze (vor allem Kalium und Kalzium), Chlorophyll, Karotinoide und organische Säuren.

Für einen Tee ein paar junge Blätter sammeln, mit heißem Wasser übergießen und genießen. Täglich mehrere Tassen Tee über den Tag verteilt, reinigen den Körper und sind im Rahmen einer Frühjahrskur sehr empfehlenswert. Brennnesseltee als altes Hausmittel soll diese Wirkungen haben:

# Entschlackung: Stoffwechsel anregend, Leber und Galle entgiftend

# Schmerz- und entzündungslindernde Eigenschaft: Durch die enthaltenen Flavonoide soll Brennnesseltee Schmerzen stillen und entzündliche Vorgänge hemmen, etwa bei Rheuma (Arthritis) oder auch Gelenkerkrankungen (Arthrose).

# Harntreibend: Wegen seiner harntreibenden Wirkung ist Brennnesseltee ein bekanntes Hausmittel bei Blasenentzündung.

# gegen Hautunreinheiten: Als Gesichtswasser wirkt Brennnesseltee gegen Hautirritationen.

# lindert Magen- sowie Menstruationsbeschwerden

# blutdrucksenkend

# stärkt das Immunsystem


Reiner Brennnesseltee hat allerdings keinen guten Ruf, weil ein Aufguss aus trockenen Blättern ein eher „muffiges“ Aroma hat. Dies kann verhindert werden, indem frische Blätter aufgebrüht oder getrocknete Brennnessel Blätter mit etwas Zitronenschalenabrieb abgerundet werden. So schmeckt der Brennnesseltee sogar fast spritzig.

Ein hartnäckiger Volksglaube besagt, dass Brennnesseln gegen Gicht und Rheuma helfen sollen. Früher „peitschte“ man sich mit Brennnesseln, benutzte sie um an der betreffenden Stelle ein stundenlanges Wärmegefühl zu erzeugen. Das fördert die Durchblutung und eignet sich deshalb hervorragend bei schmerzenden Gelenken, Rheuma- oder Ischiasbeschwerden. Wissenschaftlich belegt ist, dass die Pflanze Wirkstoffe enthält, die entzündungshemmend und antibakteriell wirken, was bei Rheuma oder Gicht hilfreich ist. Die Ursache für die brennenden Schmerzen und juckenden Quaddeln ist die Ameisensäure. Noch heute wird die „Urtikation“ bei Rheuma und Arthritis angewandt. Zur Wirksamkeit liegen allerdings keine aussagekräftigen, unabhängigen Studien vor, jedoch regen bestimmte Inhaltsstoffe der Brennnessel die Durchblutung an.


Aphrodisiakum, Zaubermittel und Ritualgewächs

Da setzt du dich in die Nesseln, warnt das Sprichwort den allzu Wagemutigen. Innerlich sträuben sich dem Betroffenen dann sicher die Haare, ganz ähnlich wie auch die Brennnesseln ihre zur Abwehr setzen. [18] Im Mittelalter galt die Brennnessel als ein Symbol schmerzlichen Liebesbrennens oder der hoffnungslosen Liebe. Man vermutete in der Brennnessel den Sitz eines dämonischen Wesens: „Pflanze, auf deren Blätter Pfeile wachsen mit brennendem Gift. Wer sich an ihr reibt, sticht sich an ihr“. Sie galt deshalb als Hexenkraut. Nur eine wahrhaftige Jungfrau konnte angeblich eine Brennnessel anrühren, ohne sich zu verbrennen. Weil die Brennnessel durchblutungssteigernd wirkt, gelten Gerichte mit ihr als aphrodisierend. Angeblich sollen sie auf Männer und Frauen gleichermaßen aphrodisierend wirken. Auch 1-2 Teelöffel Brennnessel-Samen ins Müsli gegeben soll das menschliche Lustbedürfnis steigern. Die Blätter können auch als Liebes-Rauchwerk dienen.[19]

Albrecht Dürer betrachtete die Brennnessel als eine „von Gott geschenkte Pflanze“, was in seinem Bild, auf dem ein Engel mit einer Brennnessel in der Hand zum Thron des Allmächtigen emporfliegt, zum Ausdruck kommt.

 

Blumensprache und Märchen

Wenn ihr an Nesseln streifet,

So brennen sie;

Doch wenn ihr fest sie greifet,

Sie brennen nie.

So zwingt ihr die Feinen,

Auch die gemeinen Naturen nie.

Doch presst ihr wacker

Wie Nussaufknacker,

So zwingt ihr sie.

(Friedrich Rückert) [20]


Im Märchen von Hans Christian Andersen „Die wilden Schwäne“ muss die stumme Königin 7 Hemden aus (Brenn) Nesseln anfertigen (in alten Zeiten noch üblich, worauf der Name "Hanfnessel" anspielt), um ihre Bruder zu erlösen, im Grimm’schen Märchen "Jungfrau Maleen" spielt ebenfalls die Brennnessel eine Rolle.

Victor Hugo erzählt in seinem Roman „Les Miserables – Die Elenden“ von einem Mann, der in einem armen Dorf auftaucht und die Leute lehrt, die Brennnesseln, die dort überall wachsen und bis dahin als Unkraut angesehen wurden, zu nutzen. Als Faserpflanze, als Nahrungsmittel oder auch als Dünger lindere die Brennnessel die Not der armen Leute.[21]

Brennnessel, verkanntes Kräutlein von Hoffmann, Dr. Heinrich (1809-1894)

Brennnessel, verkanntes Kräutlein, Dich muss ich preisen,

Dein herrlich Grün in bester Form baut Eisen,

Kalk, Kali, Phosphor, alle hohen Werte,

Entsprießend aus dem Schoß der Mutter Erde,

Nach ihnen nur brauchst Du Dich hinzubücken,

Die Sprossen für des Leibes Wohl zu pflücken,

Als Saft, Gemüse oder Tee sie zu genießen,

Das, was umsonst gedeiht in Wald, auf Pfad und Wiesen,

Selbst in noch dürft´ger Großstadt nahe Dir am Wegesrande,

Nimms hin, was rein und unverfälscht die gütige Natur

Dir heilsam liebend schenkt auf ihrer Segensspur!


Verwendung im Garten

Aus den Brennnessel Pflanzen kann ein hochwertiger Flüssigdünger und Bodenverbesserer sowie auch eine Jauche hergestellt werden. Letztere wird von vielen Gärtnern als biologisches Pflanzenschutzmittel eingesetzt, denn sie gilt als schädlingsabwehrend und düngt die Pflanzen ganz natürlich mit Stickstoff, Kalium und Kieselsäure. Sie soll übrigens auch den Geschmack von Gemüse, etwa Tomaten und Gurken , verbessern. Für Brennnesseljauche geben Sie ein Kilogramm Brennnesseln und zehn Liter Regenwasser in einen Bottich, decken ihn ab und stellen ihn in die Sonne. In den nächsten zwei Wochen sollten Sie die Masse jeden Tag einmal umrühren. Gegen den Geruch hilft es, Steinmehl, Kompost oder Lehmerde darunterzumischen. Sobald sich die Jauche dunkel verfärbt, kann sie zum Düngen verwendet werden. Je nach Bedarf braucht man zwei bis fünf Liter pro Quadratmeter.[22]


Quellen:
[1] Utopia – Die Brennnessel, eine echte Nährstoffbombe und Bakterienbremse, von Silke Neumann, 19.02.2020

[2] wikipedia.org/wiki/Brennnesseln

[3] www.kraeuter-buch.de/kraeuter/Brennnessel

[4] www.biologie-seite.de/Biologie/Brennnesseln

[5] www.biologie-seite.de/Biologie/Brennnesseln

[6] www.gartenjournal.net/brennessel-aehnliche-pflanze

[7] www.biologie-seite.de/Biologie/Brennnesseln

[8] wikipedia.org/wiki/Brennnesseln

[9] www.boden-fachzentrum.de/bodenqualitaet/zeigerpflanzen/zeigerpflanze-brennnessel

[10] NABU Mecklenburg-Vorpommern. Verkannter Schatz im Garten, Die Große Brennnessel

[11] Brennnesseln, ein Portrait. Ludwig Fischer und Judith Schalansky (Hg.) Auflage: 2, ISBN: 978-3-95757-407-7

[12] www.gartenjournal.net/brennnessel-essen

[13] Stoffe färben: Die besten Färberpflanzen – Mein schöner Garten und wikipedia.org/wiki/Brennnesseln

[14] wikipedia.org/wiki/Fasernessel

[15] www.naturfaserverband.com/faserpflanzen/bastfaserpflanzen/fasernessel/

[16] www.gartenjournal.net/brennnessel-essen

[17] Blüten und Kräuter Liköre Rita Vitt (Hg.), ISBN: 978-3-8186 0689 3

[18] kraeutergarten-pommerland.de/aktuelles/87-kleine-kraeuterkunde.html

[19] geschichtenerzaehler.in / ungezaehmte-pflanze-brennnessel

[20] (1788 bis 1866), alias Freimund Raimar, deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer und chinesischer Dichtung

[21] www.zauber-pflanzen.de/urtica.htm

[22] www.haus.de/garten/brennnessel-wirkung

von Alexandra Abredat 23. Januar 2026
Ein Wintermärchen mit Pfoten, Federn und Herz: Manchmal braucht eine Geschichte länger als geplant. Sie trödelt ein wenig, macht Umwege, setzt sich zwischendurch in den Schnee und schaut erst einmal. Genau so eine Geschichte ist Pfoten im Schnee . Und jetzt ist sie fertig. Endlich. Und ich freue mich sehr.
Ein Fuchs stößt im Wald an die Grenze seines Verstehens und findet Ruhe, als er aufhört zu suchen.
von Alexandra Abredat 17. Januar 2026
Ein kluger Fuchs verliert im Wald die Sicherheit seines Verstehens. Als Denken nicht mehr trägt, lernt er, im Ungewissen zu bleiben – und findet darin neue Ruhe.
von Alexandra Abredat 12. Januar 2026
Man merkte dem Wald an, dass er Zeit hatte. Nicht viel Zeit. Aber genug, um sie nicht zu verschwenden. Die Stämme standen enger beieinander als an anderen Tagen, als hätten sie sich unauffällig zusammengerückt. Nicht, um zu flüstern – dafür war es zu kalt –, sondern um Wärme zu halten. Zwischen ihnen lag Schnee in Schichten, jede mit eigener Geschichte, eigenem Gewicht, eigener Geduld. Ganz oben auf den Zweigen lag Pulverschnee, fein und trocken, so leicht, dass er sich schon beim leisesten Luftzug bewegte. Er nahm nichts ernst, nicht einmal die Schwerkraft. Darunter saßen festere Lagen, gepresst vom letzten Tau, mit einer Oberfläche, die hart wirkte und bei genauerem Hinsehen Risse zeigte. Und am Boden lag Schnee, der wusste, dass er bleiben würde. Nicht spektakulär. Aber zuverlässig. Der Weg führte hindurch. Schmal, unscheinbar, mehr Ahnung als Einladung. Auf ihm war der Schnee körnig, festgetreten, mit kleinen glitzernden Kanten, die im schrägen Licht aufflackerten. Daneben, kaum eine Handbreit entfernt, sah alles gleich aus – und war es nicht. Wer dort hineintrat, versank lautlos. Nicht tief, aber tief genug, um aufmerksam zu werden. Der Wald mochte solche Unterschiede. Sie hielten wach, ohne zu fordern. Die Luft war kalt, aber nicht feindlich. Sie roch nach Harz, nach Frost, nach Erde, die wusste, dass sie warten musste. Atem wurde sichtbar und blieb einen Moment zu lange stehen, bevor er sich auflöste. Auch Gedanken hätten hier länger gebraucht, um weiterzugehen. Nichts wurde sofort fortgetragen. Alles durfte kurz bleiben. Zwischen den Bäumen hing Licht. Nicht viel, aber mehr als erwartet. Es kam vom Mond, natürlich. Und doch blieb es an Stellen hängen, wo es eigentlich hätte weiterziehen müssen. An Rinde zum Beispiel. Oder an den feinen Haaren junger Zweige. Es sammelte sich dort, machte Pausen, als müsste es sich erinnern, warum es überhaupt unterwegs war. Der Wald ließ das zu. In dieser Nacht war Genauigkeit wichtiger als Geschwindigkeit. Unter einer alten Buche lag der Schnee dünn. Dort schimmerten gefrorene Blätter durch, lederbraun, mit hellen Rändern, als wären ihre Konturen nachgezogen worden. Sie raschelten nicht. Sie flüsterten. Nicht mit Worten, sondern mit diesem Geräusch, das entsteht, wenn etwas noch nicht ganz vergangen ist. Die Buche wusste, dass man ihr in solchen Nächten besser zuhörte. Weiter hinten standen die Fichten. Sie trugen den Schnee nicht, sie hielten ihn. In breiten Polstern lag er auf den Ästen, so schwer, dass die Zweige sich leicht bogen. Ab und zu gab einer nach. Dann rutschte das Weiß langsam, fast widerwillig, nach unten, sammelte sich kurz – und fiel schließlich mit einem dumpfen Laut. Kein Knall. Kein Schrecken. Eher ein Entlasten. Der Wald reagierte darauf kaum. Er kannte das Spiel. Diese Tage hatten ihre eigene Schwere. Nicht krankhaft, nicht gefährlich. Eher so, wie etwas schwer wird, wenn viele Eindrücke gleichzeitig wirken. Nähe, die gut gemeint war. Erwartungen, die sich überlagerten. Hoffnungen, die größer gewesen waren als das Jahr. All das hatte hier Spuren hinterlassen. Nicht als Schaden. Als Verdichtung. Der Schnee zeigte das deutlich. Dort, wo sich Wege kreuzten, war er festgepresst, fast hart. An anderen Stellen lag er locker, unentschlossen, bereit, sich neu zu ordnen. Der Wald machte keinen Unterschied zwischen beidem. Er nahm es zur Kenntnis. Ein Windzug ging durch die Stämme. Nicht stark genug, um etwas zu bewegen, aber deutlich genug, um sich einzumischen. Er blieb hängen zwischen den Ästen, strich über Rinde, tastete sich über Nadeln und Moos. Dort, wo er vorbeikam, veränderte sich das Licht. Kaum sichtbar, aber spürbar. Als hätte jemand die Schärfe leicht nachgestellt. Der Schnee reagierte unterschiedlich. Auf dem Weg verdichtete er sich weiter, wurde körniger, ordentlicher. Neben dem Weg gab er nach, sackte ab, zog sich zurück. Unter den Fichten begann er zu arbeiten. Erst ein leises Knacken, dann ein langsames Rutschen. Ein Ast bog sich tiefer, als er müsste. Ein anderer hielt stand, obwohl er es nicht konnte. Der Wald probierte Möglichkeiten aus. Unter einer Buche öffnete sich eine kleine Fläche. Nicht groß, gerade genug, um aufzufallen. Der Schnee dort schmolz nicht, er trat zurück. Die gefrorenen Blätter darunter wurden sichtbar, ihre Adern hell umrandet. Ein paar von ihnen bewegten sich minimal, suchten eine neue Lage. Nicht, weil Wind ging. Sondern weil Zeit hier anders lag. Sie floss nicht. Sie sammelte sich. Ein Geräusch entstand, kaum hörbar. Kein Knacken, kein Fallen. Eher ein leises Aneinanderstoßen, als würden zwei Dinge feststellen, dass sie denselben Platz beanspruchten. Der Stamm einer jungen Birke verschob sich um einen Hauch. Nicht messbar. Aber genug, um den Schnee an ihrer Rinde neu zu ordnen. Eiskristalle bildeten Muster, die es gestern noch nicht gegeben hatte. Linien, Sterne, Verzweigungen. Manche blitzten kurz auf und verschwanden. Andere blieben länger, als hätten sie beschlossen, dass diese Nacht mehr Geduld verdiente. Der Wald nutzte diese Freiheit vorsichtig. Er war kein Freund von Übertreibungen. Ein Stück weiter hinten veränderte sich der Weg. Nicht sichtbar, nicht wirklich. Aber wer ihn kannte, hätte gezögert. Er führte nicht mehr ganz gerade. Oder vielleicht tat er das nie und es fiel nur heute auf. Der Schnee darauf zeigte feine Risse, als hätte er kurz überlegt, sich zu teilen. Der Wald lächelte nicht. Er konnte das nicht. Aber er hatte Sinn für Timing. Ein Ast gab nach. Schnee fiel. Nicht auf den Boden, sondern auf einen tiefer liegenden Zweig, der ihn weiterreichte. Dort blieb er kurz liegen, sammelte sich, löste sich erneut. Ein langsames Weitergeben, wie eine Nachricht, die man nicht selbst behalten wollte. Die Luft wurde klarer. Schärfer. Und gleichzeitig weicher. Atem – von wem auch immer – würde hier sichtbar sein und länger bleiben. Auch Gedanken hätten es schwer gehabt, sich sofort aufzulösen. Noch war niemand da, der das bemerkte. Aber der Wald bereitete sich vor. Nicht auf Besuch. Auf Übergang. Und irgendwo zwischen Rinde und Schnee, zwischen Halten und Loslassen, entstand Platz. Kein sichtbarer. Aber ein spürbarer. Einer von der Sorte, in die man später hineintritt und sich fragt, warum es sich plötzlich anders anfühlt. Der Wald war nicht darauf aus, Antworten zu geben. Das hatte er nie getan. Er stellte Bedingungen her. Die Kälte blieb konstant, fast freundlich. Sie legte sich gleichmäßig über alles, nahm Spitzen heraus, glättete Bewegungen. Dinge, die sonst hastig waren, wurden langsamer. Dinge, die zu lange gelegen hatten, traten deutlicher hervor. Unter einer alten Fichte hatte sich der Schnee verschoben. Nicht viel. Aber genug, um eine kleine Mulde freizulegen. Darin lag nichts Besonderes. Kein Zapfen, kein Stein. Und doch wirkte der Platz vollständig. Als wäre genau das seine Aufgabe gewesen: leer zu sein. Leere war im Wald nichts Negatives. Warnend vielleicht. Aber nicht falsch. Ein Ast knackte. Nicht überraschend, eher bestätigend. Ein anderer antwortete mit einem leisen Nachgeben. Der Wald hörte sich selbst zu. Er prüfte, wo Spannung saß, wo Gewicht zu lange getragen worden war. Dort ließ er los. Ganz. Oder ein wenig. Das Licht zwischen den Stämmen veränderte sich erneut. Es wurde nicht heller, nicht dunkler. Aber klarer. Unterschiede traten hervor. Der Weg war der Weg. Das Dickicht war das Dickicht. Und dazwischen gab es Stellen, an denen man hätte stehen bleiben können, ohne im Weg zu sein. Der Wald mochte solche Orte. Sie erinnerten daran, dass Bewegung nicht immer Fortschritt bedeutete. Manches klärte sich erst im Stillstand. Und manches löste sich, wenn man aufhörte, es festzuhalten. Ein paar Eiskristalle fielen gleichzeitig. Sie trafen nicht den Boden, sondern verteilten sich auf Rinde, Moos und Nadeln. Keiner landete dort, wo er ursprünglich hätte landen sollen. Es gab in dieser Nacht kein „richtig“. Nur ein „passend genug“. Das war wichtig. Denn Übergänge litten selten an falschen Entscheidungen. Sie litten an zu vielen. Der Wald wusste das. Er hatte Generationen von Wintern gesehen, Jahre kommen und gehen lassen, ohne sie festzuhalten. Er hatte erlebt, wie viel Kraft es kostete, etwas bleiben zu lassen, das eigentlich gehen wollte. Und wie erleichtert alles war, wenn es endlich durfte. Zwischen zwei Buchen veränderte sich der Klang. Schritte – falls es welche gegeben hätte – wären hier weicher gewesen. Gedämpfter. Gedanken ebenso. Der Schnee lag locker, federnd, und gab nach, ohne zu verschlucken. Ein guter Ort, um stehen zu bleiben. Oder um weiterzugehen, ohne sich festzulegen. Der Wald stellte keine Fragen. Aber er ließ vieles zu. Ein alter Ast spannte sich. Man sah ihm an, dass er mehr trug, als gut für ihn war. Schnee hatte sich auf ihm gesammelt, Schicht um Schicht. Jede für sich nicht problematisch. Zusammen jedoch zu viel. Der Ast hielt. Natürlich hielt er. Er hatte das immer getan. Aber heute knackte es an einer Stelle, die verriet, dass Halten zur Gewohnheit geworden war. Der Wald wartete einen Moment. Dann noch einen. Der Ast gab nach. Nicht vollständig. Nur ein Stück. Genug, damit ein Teil des Schnees abrutschte und mit dumpfem Geräusch zu Boden fiel. Der Rest blieb liegen. Erleichtert. Als hätte er kurz vergessen, wie gut Loslassen sich anfühlen konnte. Ein paar Schritte weiter lag der Schnee unruhig. Zerwühlt, obwohl niemand hier gewesen war. Kleine Hügel, Mulden, feine Risse. Der Boden darunter hatte gearbeitet. Gefroren, gelockert, wieder gefroren. Alles gleichzeitig. Wer hier stehen geblieben wäre, hätte ein leichtes Kippen gespürt. Nicht genug, um zu fallen. Genug, um den eigenen Stand zu überprüfen. Der Wald tat das absichtlich. Nicht um zu stören. Um aufmerksam zu machen. Manche Stellen trugen sofort. Andere erst nach kurzem Zögern. Wieder andere gaben nach, nur um sich gleich darauf zu stabilisieren. Planung hatte hier schlechte Karten. Wahrnehmung hingegen sehr gute. Zwischen zwei Fichten war der Raum enger geworden. Nicht wirklich – aber spürbar. Die Stämme standen gleich. Und doch wirkte der Durchgang schmaler. Vielleicht war es das Licht, das sich dort nicht entscheiden konnte. Vielleicht auch nur der Blick, der plötzlich mehr registrierte als sonst. Nicht jeder Engpass bedeutete Hindernis. Manchmal zeigte er nur, dass man etwas mit sich trug, das breiter geworden war als nötig. Ein leiser Luftzug strich hindurch. Er nahm nichts mit. Aber er ordnete. Schnee verschob sich minimal. Eiskristalle setzten sich neu zusammen. Muster entstanden, die stabiler waren als zuvor. Nicht schöner. Aber klarer. Der Wald hatte Humor. Er wusste, dass Klarheit oft weniger glamourös war als Hoffnung. Unter einer Buche löste sich eine dünne Schneeschicht. Sie fiel nicht herunter, sondern rutschte zur Seite und legte einen Streifen dunkler Erde frei. Der Kontrast war deutlich. Fast unangenehm. Braun neben Weiß. Unfertig neben bedeckt. Der Wald ließ es so. Nicht alles musste sofort wieder zugedeckt werden. Manche Dinge wirkten erst dann richtig, wenn man sie eine Weile ansah. Ein weiterer Ast knackte. Diesmal nicht aus Überlastung, sondern aus Entscheidung. Der Schnee fiel vollständig ab, zerfiel unten in seine Einzelteile und verlor dabei jede Dramatik. Was eben noch schwer gewesen war, lag jetzt einfach da. Still. Unauffällig. Fast harmlos. Der Wald nahm das zur Kenntnis. Er mochte solche Momente. Ein kleiner Windstoß kam auf. Zu schwach, um etwas umzustoßen. Stark genug, um sich einzumischen. Pulverschnee hob sich, tanzte unbeholfen, stieß an andere Kristalle, verhedderte sich kurz – und fiel dann doch. Jeder an einem anderen Ort als erwartet. Unter einer Fichte sammelte sich der Schnee neu. Schicht um Schicht entstand eine kleine Kuppe. Zu ordentlich. Der Wald betrachtete sie einen Moment lang und schob dann nach. Ein Zweig senkte sich. Die Kuppe kippte zur Seite und verlor ihre Perfektion. Besser so. Perfektion war anstrengend. Und in dieser Nacht unnötig. Dort, wo der Untergrund vorher unruhig gewesen war, glättete sich der Schnee. Nicht dauerhaft. Nicht vollständig. Aber für einen Moment trug er zuverlässig. Es war, als hätte der Boden beschlossen, kooperativ zu sein. Nicht immer. Aber jetzt. Der Wald erklärte das niemandem. Er hielt inne. Ein Ast ließ Schnee fallen. Ein zweiter tat es ihm nach. Ein dritter wartete zu lange und verlor alles auf einmal. Der Schnee unten nahm auf, was kam, ohne zu urteilen. Schweres fiel schneller. Leichtes blieb hängen. Nichts landete dort, wo es geplant gewesen war. Der Wald mochte diese Abfolge. Sie erinnerte daran, dass man Dinge nicht gleichzeitig loslassen musste. Manches durfte gleiten. Manches brauchte einen Ruck. Und manches blieb noch ein wenig liegen. Ein Eiskristall setzte sich auf einen dunklen Fleck Erde und begann zu schmelzen. Nur minimal. Gerade genug, um sichtbar zu werden. Der Fleck sah danach nicht besser aus. Aber ehrlicher. Das genügte. Langsam wurde es ruhiger. Nicht leer. Offen. Der Schnee wirkte weniger kontrastreich. Harte Stellen waren weicher geworden. Dunkles wieder bedeckt. Nicht, weil es falsch gewesen war. Sondern weil es genug gesehen worden war. Manche Spuren blieben sichtbar. Andere nicht. Der Wald wirkte erleichtert. Nicht, weil alles geklärt war. Sondern weil nichts mehr geklärt werden musste. Diese Zeit hatte getan, was sie konnte. Sie hatte gesammelt, verdichtet, sichtbar gemacht. Sie hatte zugelassen, dass Enttäuschung Raum bekam, ohne sie größer zu machen, als sie war. Sie hatte gezeigt, dass Müdigkeit kein Versagen war. Dass Rückzug Schutz sein konnte. Dass Neubeginn keinen Termin brauchte. Der Wald begann, wieder mehr Wald zu sein. Geräusche verloren ihre Bedeutung. Licht fiel, ohne hängen zu bleiben. Der Schnee nahm auf, was kam, ohne es zu bewerten. Irgendwo, ganz unscheinbar, begann etwas Neues. Nicht besser. Nicht schlechter. Nur offen genug, um darin weiterzugehen.
von Alexandra Abredat 6. Januar 2026
Manchmal genügt ein einzelner Duft, um die Wahrnehmung zu verschieben – kaum wahrnehmbar, aber wirkungsvoll genug, um den Alltag für einen Moment beiseitezuschieben. Ein Hauch Kreuzkümmel, und der Alltag tritt zurück zugunsten von Bildern aus Garküchen, Markthallen und dampfenden Töpfen. Gewürze besitzen diese eigentümliche Fähigkeit: Sie wirken nicht nur auf den Geschmackssinn, sondern auf Erinnerung, Vorstellungskraft und Emotion. Genau darin liegt ihre kulturelle und kulinarische Bedeutung – und der Grund, weshalb sie seit Jahrtausenden gesammelt, gehandelt, gehütet und verehrt werden. Gewürze sind keine bloßen Küchenzutaten, sondern kulturelle Werkzeuge. Botanisch betrachtet handelt es sich um Samen, Früchte, Rinden, Wurzeln oder Blüten, die aufgrund ihrer ätherischen Öle, Bitterstoffe oder Scharfstoffe eingesetzt werden. Kulinarisch sind sie Werkzeuge: Sie strukturieren Gerichte, verleihen Tiefe, setzen Akzente oder verbinden einzelne Komponenten zu einem stimmigen Ganzen. Besonders deutlich wird das bei Gewürzmischungen – jenen wohlüberlegten Kompositionen, die weit mehr sind als eine Ansammlung aromatischer Einzelteile. Von Einzelgewürzen und Mischungen Zwischen Gewürzdose und Mörser entscheidet sich oft, wie ein Gericht gelesen wird: klar und präzise oder komplex und vielschichtig. In gut ausgestatteten Küchen finden sich beides: Einzelgewürze und Mischungen. Pfeffer, Kreuzkümmel, Muskatnuss oder Kurkuma stehen für sich, lassen sich frisch mahlen oder mörsern und gezielt einsetzen. Getrocknete Kräuter wie Thymian, Oregano oder Rosmarin bringen mediterrane Klarheit, während Samen und Beeren – etwa Koriander, Fenchel oder Wacholder – Tiefe und Struktur liefern. Gewürzmischungen hingegen sind kulinarische Abkürzungen mit Tradition. Sie entstehen selten zufällig, sondern spiegeln regionale Kochstile, klimatische Bedingungen und verfügbare Zutaten wider. Ihre Zusammensetzung ist über Generationen gewachsen, manchmal streng definiert, manchmal erstaunlich variabel. Genau darin liegt ihre Stärke – und ihre Herausforderung. Was eine gute Gewürzmischung ausmacht Gute Gewürzmischungen sind keine Abkürzungen für Bequemlichkeit, sondern für Erfahrung. Eine hochwertige Gewürzmischung folgt einem klaren Prinzip: Balance. Kein Bestandteil darf dominieren, jeder erfüllt eine Funktion. Manche Gewürze tragen die Hauptaromen, andere verbinden, wieder andere setzen gezielte Kontraste. Seriöse Mischungen kommen ohne unnötige Füllstoffe aus und setzen auf nachvollziehbare Zutaten. In der Küche existieren daneben praktische Würzmischungen wie Kräutersalze oder Zucker-Zimt-Mischungen. Sie sind funktional, alltagstauglich und bewusst komponiert, unterscheiden sich jedoch fachlich von reinen Gewürzmischungen. Diese Differenzierung ist weniger eine Wertung als eine Frage der Definition – und der bewussten Anwendung. Klassiker mit Geschichte Curry ist vermutlich die bekannteste Gewürzmischung der Welt – und zugleich eine der am häufigsten missverstandenen. – und zugleich eine der missverständlichsten. Entgegen verbreiteter Annahmen handelt es sich nicht um eine traditionelle indische Mischung mit festgelegter Rezeptur. Vielmehr ist Curry ein europäisches Konstrukt, das versucht, die Vielfalt südasiatischer Masalas in einer Mischung abzubilden. Typisch sind Kurkuma als farbgebende Basis, Koriander, Kreuzkümmel, Bockshornklee und je nach Variante Chili, Ingwer oder Senfsaat. In der indischen Küche selbst spielen Masalas eine zentrale Rolle, jedoch fast immer frisch gemahlen und situativ angepasst. Garam Masala etwa – wörtlich „wärmende Mischung“ – wird traditionell erst gegen Ende des Kochvorgangs hinzugefügt. Zimt, Kardamom, Nelken und Pfeffer sollen nicht verkochen, sondern ihre ätherischen Öle entfalten und dem Gericht Tiefe verleihen. Orient und östlicher Mittelmeerraum Hier steht weniger die Schärfe im Vordergrund als das Spiel mit Bitterkeit, Säure und warmen, runden Noten. Ras el-Hanout, eine der komplexesten Mischungen Nordafrikas, ist weniger Rezept als Konzept. Der Name bedeutet sinngemäß „das Beste des Hauses“. Je nach Region und Händler kann die Mischung zehn oder über zwanzig Zutaten enthalten, darunter Koriander, Kreuzkümmel, Muskat, Kardamom, Zimt, getrocknete Rosenblüten oder auch Iriswurzel. Ras el-Hanout wird traditionell für Schmorgerichte, Couscous oder Lamm verwendet und lebt von seiner warmen, vielschichtigen Aromatik. Za’atar hingegen ist deutlich bodenständiger. Die Mischung aus wildem Thymian oder Oregano, Sumach und Sesam ist im östlichen Mittelmeerraum allgegenwärtig. Sie wird mit Olivenöl verrührt, auf Fladenbrot gestrichen oder über Gemüse und Joghurt gestreut. Der säuerliche Sumach ersetzt dabei oft Zitrone und sorgt für Frische. Schärfe mit Struktur Schärfe ist in traditionellen Küchen selten Selbstzweck, sondern immer Teil eines größeren geschmacklichen Gefüges. Schärfe ist kein Selbstzweck. In gut komponierten Mischungen dient sie der Strukturierung des Geschmacks. Harissa aus Nordafrika kombiniert Chili mit Knoblauch, Koriander, Kreuzkümmel und oft Kümmel. Die Paste – traditionell frisch zubereitet – ist scharf, aber nicht eindimensional. Sie würzt Suppen, Gemüse, Fleisch oder Hülsenfrüchte und lässt sich dosiert einsetzen. Pul Biber, die türkische Chiliflockenmischung, wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Ihre milde, leicht fruchtige Schärfe entfaltet sich langsam und eignet sich besonders für Eiergerichte, Joghurt oder gegrilltes Gemüse. Amerika und Afrika Jerk aus der Karibik ist ein gutes Beispiel für eine regional stark variierende Mischung. Piment, Chili, Thymian, Muskat und Zimt bilden die aromatische Basis, ergänzt je nach Tradition durch Zucker, Zwiebel oder Knoblauch. Ursprünglich zur Konservierung und Würzung von Fleisch gedacht, steht Jerk heute für eine intensive, rauchig-würzige Küche. Chakalaka wiederum stammt aus Südafrika und ist ursprünglich ein Gemüse-Relish. Die zugrunde liegenden Gewürze – Chili, Ingwer, Koriander, Kreuzkümmel – werden heute auch als trockene Mischung interpretiert und für Reis, Eintöpfe oder Gemüse eingesetzt. Hier zeigt sich, wie flexibel kulinarische Traditionen sein können. Selber mischen – mit Maß und Wissen Wer selbst mischt, übernimmt Verantwortung – für Geschmack, Herkunft und Balance. Das Selbermischen von Gewürzen ist keine nostalgische Spielerei, sondern eine Frage der Kontrolle. Frische, Qualität und individuelle Anpassung sprechen dafür. Wichtig ist dabei das Verständnis für Mengenverhältnisse: dominante Gewürze wie Nelken oder Sternanis benötigen Zurückhaltung, während Basisgewürze großzügiger eingesetzt werden können. Auch bei Kräutermischungen lohnt Genauigkeit. Getrocknete Kräuter sollten nicht wahllos kombiniert werden, sondern sich aromatisch ergänzen. Petersilie bringt Frische, Thymian Tiefe, Basilikum Süße, Oregano Würze. In Kombination mit grobem Salz entsteht ein klassisches Kräutersalz – praktisch, haltbar und vielseitig, fachlich korrekt als Würzmischung einzuordnen. Lagerung und Haltbarkeit Aromen sind flüchtig, und Gewürze verzeihen Nachlässigkeit nicht. Gewürze sind empfindlich. Licht, Wärme und Sauerstoff lassen ätherische Öle verfliegen. Ideal sind dunkle, luftdichte Gefäße und ein kühler Lagerort. Ganze Gewürze halten deutlich länger als gemahlene; Mischungen sollten innerhalb weniger Monate verbraucht werden, um ihre Aromatik zu bewahren. Fazit Gewürze sind gespeicherte Erfahrung. Gewürze und Gewürzmischungen sind kulturelles Gedächtnis in aromatischer Form. Wer sie versteht, nutzt sie bewusster – und kocht besser. Nicht jede Mischung muss selbst hergestellt werden, nicht jede fertige Mischung ist ein Kompromiss. Entscheidend ist Wissen, Neugier und die Bereitschaft, genauer hinzuschmecken. Denn am Ende beginnt jede kulinarische Reise nicht am Flughafen, sondern am Herd. Weitere Informationen zum Thema Gewürze: Kardamom: Kardamom – Wirkung und Anwendung des Gewürzes Schnittlauch: Schnittlauchöl – raffiniertes Öl für die schnelle After-Work-Küche Safran: Safran – das rote Gold Quellen: 12 Gewürzmischungen, die Du kennen musst | feinkosten.de Die besten Gewürzmischungen der Welt: Rezepte + Fotos Welche Gewürzmischungen gibt es? Gewürzmischung - [ESSEN UND TRINKEN] Gewürzsaucen & Gewürzmischungen aus aller Welt zunehmend beliebter! Gewürzmischungen selber machen: 33 Rezepte für jede Gelegenheit - Gewürzmühle Brecht
von Alexandra Abredat 3. Januar 2026
Die Lippenblütler, auf Latein Lamiaceae, gehören zu den auffälligsten und vielseitigsten Pflanzenfamilien der Erde. Mit über 7.000 Arten in rund 230 Gattungen erstrecken sie sich von den sonnigen Lavendelfeldern des Mittelmeerraums bis in die tropischen Regenwälder. Ihre charakteristischen vierkantigen Stängel und die gegenständig angeordneten Blätter machen sie leicht erkennbar, während die oft stark duftenden ätherischen Öle ihren unverwechselbaren Charme ausmachen. Ob in der Küche, als Heilpflanzen oder als Ziergewächse im Garten – Lippenblütler bereichern das menschliche Leben auf vielfältige Weise. Wer schon einmal durch ein Feld Echter Lavendel (Lavandula angustifolia) geschlendert ist, kennt das Gefühl, wie der Duft die Sinne umhüllt und die Gedanken beruhigt. Besonders auffällig sind ihre Blüten. Sie sind zygomorph, also einseitig symmetrisch, und bestehen meist aus fünf Kronblättern, die sich zu einer Ober- und Unterlippe formen. Auf den ersten Blick mag das nur ästhetisch wirken, doch diese Form hat einen praktischen Zweck: Sie erleichtert die Bestäubung durch Insekten. Bei Echtem Salbei (Salvia officinalis) funktioniert das wie ein kleiner Zaubertrick: Die Oberlippe der Blüte wirkt wie ein Hebel, der beim Betreten durch eine Biene die Staubblätter herunterschlägt und den Pollen gezielt auf den Rücken des Besuchers katapultiert. Ein winziges, perfektes Zusammenspiel von Mechanik und Biologie. Wer genau hinschaut, kann sogar die Nektarleitlinien erkennen, feine Linien auf den Blütenblättern, die wie Landebahnen für Insekten wirken. Auch die Früchte der Lippenblütler sind clever konstruiert: Meist handelt es sich um sogenannte Klausen, die nach der Reife in vier Teilfrüchte zerfallen und so die Samen effektiv verteilen. Lippenblütler sind wahre Magneten für Bestäuber. In unseren Gärten sind es vor allem Bienen und Hummeln, die sich über Thymian (Thymus vulgaris), Oregano (Origanum vulgare) oder Gartenminze (Mentha spicata) hermachen, während in tropischen Regionen auch Kolibris oder Schmetterlinge die Arbeit übernehmen. Manche Arten haben sogar skurrile Eigenheiten entwickelt: Duftnessel (Agastache foeniculum) verströmt einen süßen Anisduft, der Kolibris und Schmetterlinge gleichermaßen anlockt. Viele Lippenblütler bevorzugen sonnige, durchlässige Standorte, doch tropische Vertreter wie Barbados-Basilikum (Plectranthus barbatus) fühlen sich auch in feuchten Wäldern wohl. Die chemische Ausstattung der Lippenblütler ist mindestens ebenso faszinierend wie ihre Blütenmechanik. Ätherische Öle wie Thujon im Salbei, Pulegon in der Minze oder Linalool im Lavendel sorgen nicht nur für intensive Düfte, sondern haben oft auch medizinische Wirkung. Bitterstoffe und Gerbstoffe fördern die Verdauung und wirken antibakteriell, während Flavonoide die Pflanze vor UV-Strahlung schützen und gleichzeitig Bestäuber anlocken. Kein Wunder, dass viele Arten seit Jahrhunderten geschätzt werden. Ein Klassiker ist Zitronenmelisse (Melissa officinalis), die in mittelalterlichen Klostergärten als Heilpflanze kultiviert wurde und noch heute beruhigende Tees liefert. Auch die kulinarische Welt ist voll von Lippenblütlern: Oregano (Origanum vulgare) veredelt Pizza, Rosmarin (Rosmarinus officinalis) verströmt Duft auf Braten und Kartoffeln, und Pfefferminze (Mentha × piperita) belebt Desserts und Getränke. Anekdotisch erzählt man sich, dass der französische König Ludwig XIV. angeblich täglich Lavendeltee trank, um seinen Magen zu beruhigen und die Sinne zu schärfen. Auch als Zierpflanzen haben Lippenblütler ihren festen Platz. Lavendel und Rosmarin bringen mediterranes Flair in den Garten, während tropische Vertreter wie Buntblättriges Schildblatt (Coleus blumei) mit bunt gemusterten Blättern für exotische Akzente sorgen. Dabei ist der Pflegeaufwand meist überschaubar: ein sonniger Standort, durchlässiger Boden und gelegentliches Gießen genügen oft, um die Pflanzen gesund und blühfreudig zu halten. Wer einmal einen kleinen Versuch im Garten wagt, etwa mit verschiedenen Minzearten, wird schnell feststellen, dass Gracile Minze (Mentha × gracilis) sich fast wie von selbst ausbreitet – Vorsicht ist also geboten, um das Beet nicht zu übernehmen. Kulturhistorisch haben Lippenblütler schon früh die Menschen fasziniert: Schon die alten Ägypter nutzten Lavendel zur Einbalsamierung, während Mönche des Mittelalters Salbei als „Allheilmittel“ schätzten. Systematisch gehören die Lippenblütler zur Familie Lamiaceae, früher auch als Labiatae bezeichnet. Die Familie gliedert sich in mehrere Unterfamilien, darunter die Nepetoideae mit Minzen und Basilikum, die Prostantheroideae tropischer Regionen, die Scutellarioideae mit Helmkraut-Arten wie Seitliches Helmkraut (Scutellaria lateriflora) und die Ajugoideae mit Gundelreben. Fossile Funde zeigen, dass Lippenblütler bereits seit der Kreidezeit existieren und sich über Jahrmillionen in unterschiedlichsten Lebensräumen angepasst haben. Ihre Verbreitung ist nahezu global, wobei der Schwerpunkt in den mediterranen, tropischen und gemäßigten Zonen liegt. Lippenblütler faszinieren nicht nur durch ihr Aussehen und ihren Duft, sondern auch durch ihre Rolle in der Ökologie. Sie bieten Nahrung und Lebensraum für unzählige Insekten, von Bienen über Schmetterlinge bis hin zu Ameisen, die bei manchen Arten die Samen verbreiten. Wer einen Garten oder Balkon mit Echtem Lavendel (Lavandula angustifolia), Steppen-Salbei (Salvia nemorosa) oder Thymian (Thymus vulgaris) bepflanzt, tut also nicht nur etwas für das Auge, sondern unterstützt aktiv Bestäuber in der Natur. Gleichzeitig sind einige mediterrane Arten durch Habitatverlust und Klimawandel bedroht, was ihren Schutz umso dringlicher macht. In Summe verbinden die Lippenblütler ästhetische Schönheit, ökologischen Nutzen, kulinarischen Wert und faszinierende Mechanik. Sie sind kleine Wunderwerke der Natur, die auf engem Raum unglaubliche Vielfalt und Funktionalität vereinen. Wer ihren Duft, ihre Farben und ihre Geschichten bewusst erlebt, entdeckt mit jeder Blüte ein Stück Kultur, Ökologie und Magie – und versteht, warum diese Pflanzenfamilie seit Jahrtausenden Menschen und Tiere gleichermaßen begeistert. Quellen: Lippenblütler – Wikipedia Lippenblütler – Hortipendium Lippenblütler (Lamiaceae) - Wissen & Pflanzen dieser Familie Lamiaceae: Wissenswertes über die Lippenblütler - Mein schöner Garten GMGK - Köllen Druck und Verlag GmbH: Lippenblütler – Familie mit vielen Heil- und Gewürzkräutern Lippenblütler - Lexikon der Biologie
Raus aus’m Beton – 2026 rein in die Natur und frische Wege entdecken
von Alexandra Abredat 31. Dezember 2025
Von Kräutern bis Coaching, Gruseltouren bis Buchprojekt – 2026 ist ein Jahr draußen, in der Natur und voller Entdeckungen.
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von Alexandra Abredat 24. Dezember 2025
Auf der eigenen Seite stehen, kleine Erfolge feiern, Fehler umarmen – Selbstliebe ist praktische Magie für ein freches, echtes Leben.
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von Alexandra Abredat 20. Dezember 2025
Pflanzen reagieren auf den Klimawandel: Küstenarten wandern, Gebirgsarten steigen auf, Neophyten breiten sich aus – stille Migration der Natur im Wandel.
Grünes Fundament der Bibel: Pflanzen, Landschaft und Leben im alten Land
von Alexandra Abredat 19. Dezember 2025
Biblische Pflanzen prägen Landschaft, Alltag und Glauben. Sie zeigen Anpassung, Geduld und Hoffnung und verbinden Natur mit spiritueller Bedeutung.
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